Die Bundeswehr in Afrika : Konzeptionslos

Es fehlt eine ehrliche Strategiedebatte über den Einsatz deutscher Soldaten in Afrika. Weitaus sinnvoller als Interventionen wäre es ohnehin, sich mit mehr Engagement dem größten Problem des Kontinents zu widmen - der Bevölkerungsexplosion.

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Das Ausbildungsniveau der malischen Armee ist dürftig. Ein guter Grund für die Bundeswehr, dahin zu gehen?
Das Ausbildungsniveau der malischen Armee ist dürftig. Ein guter Grund für die Bundeswehr, dahin zu gehen?Foto: dpa

Es ist noch nicht lange her, da galt ausgerechnet der vermeintliche Armutskontinent Afrika als die Hoffnungsquelle der Weltwirtschaft. Auf Konferenzen und Investmentforen wurde sein Aufstieg bejubelt. Selbst der britische „Economist“, der noch im Jahr 2000 vom „verlorenen Kontinent“ gesprochen hatte, verfiel letztes Jahr ins andere Extrem und titelte voller Enthusiasmus „Africa rising“ (Afrika im Aufschwung).

Umso mehr verwundert, dass Deutschland sich in diesem Wachstumseldorado nun plötzlich militärisch stärker engagieren will. Offenbar ist die Lage auf dem Nachbarkontinent doch weniger rosig als verkündet. In der Tat klaffen die eindrücklichen Wachstumszahlen und die Lebenslage der meisten Afrikaner oft diametral auseinander: Während in den meisten Ländern des Kontinents eine kleine, extrem reiche Oberschicht vom Aufschwung profitiert, hat sich die ohnehin triste Lage der meisten Afrikaner wie etwa in Nigeria oft sogar noch verschlechtert. Nachhaltigere Strukturen fehlen mit Ausnahme von wenigen Ländern – wie etwa Südafrika oder Ghana – fast überall.

Spätestens seit im Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik ein Zusammenbruch der staatlichen Ordnung droht, hat sich der Blick auf Afrika auch in Deutschland wieder verdüstert und ist einem größeren Realismus gewichen. So könnten sich die dem Südsudan noch vor kurzem prophezeiten Wachstumsraten von 20 Prozent rasch in ihr Gegenteil verkehren. Das Land selbst ist nur ein weiterer Konfliktherd in einer ausgesprochen fragilen Region, die sich von Mali im Nordwesten bis zum Horn von Afrika im äußersten Osten erstreckt.

Mali verdankt es wohl vor allem seiner Nähe zu Europa, in den Fokus der Bundesregierung und ihrer neuen Afrikapolitik gelangt zu sein. Obwohl in dem einst von Islamisten geknebelten Norden durch die Militärpräsenz der Franzosen wieder eine gewisse Normalität eingekehrt ist, bleibt die berechtigte Sorge vor einer Rückkehr der geflohenen Dschihadisten – und damit verbunden einer Destabilisierung des südlichen Mittelmeerraumes. Das Ausbildungsniveau der malischen Armee ist noch immer dürftig. Daran haben die 180 deutschen Soldaten wenig geändert. In der Zentralafrikanischen Republik, wo Deutschland auch aktiv werden will, ist die Gemengelage angesichts der ethnischen und religiösen Spaltung des Landes noch viel komplexer.

Wer sich in Afrika stärker engagieren will, noch dazu militärisch, wäre also gut beraten, zunächst eine ehrliche und konkrete Strategiedebatte über Ziele und Grenzen eines solchen Einsatzes zu führen. Doch davon sind das Land und seine politische Klasse weit entfernt. Stattdessen dominieren Gemeinplätze über den „Ernst der Lage in Afrika“ oder die Gefahren der Globalisierung.

Ehrlichkeit in Bezug auf die eigenen Möglichkeiten und Beschränkungen wäre schon deshalb wichtig, weil Deutschland im Gegensatz zu den Franzosen und Briten über keine Kampfarmee verfügt und dem Land sowohl das Wissen als auch die militärische Expertise über Afrika fehlt. Auch ist das Umfeld ein ganz anderes. Man stelle sich nur vor, was im pazifistischen Deutschland mit seinem Moraldiskurs passieren würde, wenn einer seiner Soldaten einen afrikanischen Kindersoldaten erschießen würde, was bei den französischen Einsätzen im Kongo immer wieder geschehen ist. Wer aber nicht bereit ist, gewisse Risiken mitzutragen und stattdessen schon eine geringe Aufstockung deutscher Ausbilder in Mali als essenziellen Beitrag feiert, sollte nicht vollmundig von einer neuen deutschen Rolle in der Welt, zumal in Afrika schwadronieren.

Weitaus sinnvoller wäre es, sich mit mehr Engagement als bislang Afrikas größtem aber bislang kaum wahrgenommenen Problem zu widmen: der Bevölkerungsexplosion, die der Hauptgrund für die gegenwärtigen Verteilungs- und Ressourcenkonflikte auf dem Kontinent ist. Statt sich die Köpfe über die Höhe der (ineffizienten) Entwicklungshilfe heißzureden, müssten gleichgültige und unfähige Regierungen wie etwa in Uganda, Nigeria oder Niger gedrängt werden, ihr völlig aus dem Ruder gelaufenes Bevölkerungswachstum, das jeden Fortschritt sofort wieder auffrisst, endlich mit mehr Nachdruck anzugehen, um die prognostizierte Verdoppelung der Bevölkerungszahl in Afrika bis 2050 zu verhindern. In Nigeria, dem Schlüsselland für die weitere Entwicklung Afrikas, hat sich die Bevölkerung seit 1960 bereits auf 180 Millionen vervierfacht und gilt inzwischen „als Garantie für gewaltsame Konflikte“, wie Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung schreibt. Doch selbst davor schreckt man in Deutschland aus der Angst davor zurück, nun zwar nicht militärisch, aber kulturell in Afrika intervenieren zu müssen und darüber womöglich als „Rassist“ gebrandmarkt zu werden.

So beschränkt man sich auf symbolische Handlungen und wundert sich darüber, dass immer mehr Menschen in ihrer Not nach Europa drängen und dabei im Mittelmeer ertrinken.

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