Meinung : Die CDU spannt sich auf die Folter

Bernd Ulrich

So dumm war die Idee gar nicht, die Union interessant zu machen, indem man die K-Frage möglichst lange offen hält. Jedoch haben sich die Dinge so entwickelt, dass die CDU nicht uns auf die Folter spannt, sondern nur sich - und dabei furchtbar leidet.

Nun kam am Wochenende heraus, dass einige Würdenträger der CDU den Plan gefasst hatten, Angela Merkel zum Verzicht auf die Kanzlerkandidatur zu bewegen und ihr dafür den Fraktionsvorsitz anzudienen. Ein bemerkenswerter Plan. Offenbar muss man in der CDU mittlerweile Gruppen bilden, um bei der Vorsitzenden Gehör zu finden. Das erinnert ein wenig an die Frühphase des Feminismus, als Frauen sich bei Studentenversammlungen das Rederecht erstritten und dann als Gruppe ans Mikro traten, damit eine sprechen konnte, während die anderen dazu nickten.

Verwunderlich scheint auch, dass diese CDU-Gruppe der Mutigsten, wenn sie denn in Merkels Büro vorgedrungen wäre, ihr etwas hätte anbieten wollen, worüber sie nicht verfügt - den Fraktionsvorsitz. Den hat bis dato, wenn wir uns recht erinnern, der Ex-Kanzlerkandidatenkandidat Merz inne. Möglicherweise war der Plan nicht bis ins Letzte durchdacht, jedenfalls ist die Verschwörung durch Veröffentlichung geplatzt.

Wie konnte das geschehen? Waren die schwarzen Verschwörer zu dumm für einen gescheiten Plan und zu disziplinlos, um ihn geheim zu halten? Das wohl nicht, denn die meisten Politiker sind durchaus klug, mindestens durchtrieben und können auch schweigen, wenn es unbedingt sein muss. Es liegt alles an der Sache selbst. Es ist eben höllisch schwierig, Merkel die Botschaft zu überbringen, sie solle es nicht werden. Böse Zungen behaupten noch heute, Johannes Rau sei nur deswegen Bundespräsident geworden, weil sich in der SPD keiner getraut hat, ihm zu sagen, dass er es nicht wird.

Im Falle der Parteivorsitzenden und der K-Frage gilt die eiserne Regel: Wer Merkel schadet, schadet der CDU. Ein kluger Unionsmann hat das daraus folgende Problem gestern so benannt: "Man kann es gut mit Frau Merkel meinen und dennoch für Stoiber als Kanzlerkandidat sein." Hier wird eine literarische Figur eingeführt - "der Gutmeinende" -, die es in der CDU-Führung derzeit vermutlich gar nicht gibt. Aber nehmen wir an, es gäbe sie. Wie könnte der Gutmeinende, der für Stoiber ist und Merkel nicht schaden will, es anstellen, dass Stoiber es in vier Wochen tatsächlich wird? Darf er sich mit anderen besprechen? Nein, denn das kommt sowieso raus! Darf er ein Vier-Augen-Gespräch mit Merkel suchen? Schon, nur kommt da nichts bei raus. Darf er sich öffentlich für Stoiber einsetzten? Auf keinen Fall, denn das schadet Merkel! Mit anderen Worten: Der Gutmeinende kann nichts tun, was nicht als Merkel- und parteischädigend empfunden würde. Deshalb gibt es ihn auch nicht, den Gutmeinenden.

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