Die CDU und die Homo-Ehe : Herzlich Willkommen in der modernen Welt!

Die CDU will die Homo-Ehe steuerlich gleichstellen und das Adoptionsrecht ändern. Die Partei erschließt sich damit ganz neue Wählerschichten. Ein Brief zur Begrüßung in der modernen Welt.

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Was ist die Handschrift der CDU? Angela Merkel unterschreibt Autogrammkarten.
Was ist die Handschrift der CDU? Angela Merkel unterschreibt Autogrammkarten.Foto: dpa

Sehr geehrter Herr Grosse-Brömer,
sehr geehrte CDU,

hiermit heißen wir Sie herzlich willkommen als Mitglied von Moderne Welt e.V.

Über Ihren Entschluss, „gleichgeschlechtliche Partnerschaften“ demnächst steuerlich nicht mehr zu benachteiligen und das Adoptionsrecht zu ändern, haben wir uns sehr gefreut. Wir möchten Ihnen daher nun zuerst das Recht verleihen, das juristische Gebilde (von dem Sie ja jetzt öfter werden sprechen müssen) wie die meisten von uns als „Homo-Ehe“ zu bezeichnen. Nur keine Bange. Das geht schon in Ordnung. Oder Sie nennen es sogar gleich „Ehe“?

Des Weiteren freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie mit Ihrem Entschluss sofort auch die Bedingungen für eine Premiummitgliedschaft erfüllen. Sie haben ja die Atomkraft (wieder) abgeschafft, die Bundeswehr modernisiert, eine Frau zur Regierungschefin gemacht und die Elternzeit erfunden, manche von Ihnen twittern sogar! In der Summe konnten Sie damit bereits große Teile unseres linken, feministischen und technikutopistischen Spektrums für sich gewinnen. Mit den Stimmen unserer Mitglieder aus der LGBT-Community* steht einer Direktaufnahme als Premium-Mitglied nichts im Wege.

(*Das steht für „Lesbian-Gay-Bisexual-Transsexual, aber für den Einstieg ist es okay, wenn Sie beim Homo-Hetero-Schema bleiben.)

Damit Sie sich in den nächsten Wochen von etwaigen Debatten um ihren „konservativen Markenkern“ nicht entmutigen lassen, möchten wir Ihnen im Folgenden Ihre Vorteile noch einmal kompakt vorstellen:

Erstens: Die Wahl haben Sie schon so gut wie gewonnen. Es war taktisch schon echt clever, sich in Sachen Mindestlohn zu bewegen. Indem Sie Gerechtigkeitsdefizite bei der Homo-Ehe beseitigen, nehmen Sie SPD, Grünen und Linken weitere Abgrenzungs- und Angriffsmöglichkeiten. Vielleicht klappt es ja dann auch irgendwann einmal mit Ihrer heimlichen schwarz-grünen Wunschkoalition. Die Grünen-Wähler jedenfalls finden Merkel dufte. Falls Sie es noch nicht gelesen haben: Die taz zitierte gerade aus einer vom Grünen-Vorstand in Auftrag gegebenen Umfrage, bei der herauskam, dass über die Hälfte der Grünen-Wähler Ihre Parteivorsitzende „sympathisch“ finden!

Zweitens: Sie punkten in den urbanen Milieus, mit denen Sie ja bislang, ohne Ihnen zu sehr nahetreten zu wollen, gewisse Schwierigkeiten hatten. Wir wissen, dass Sie in Berlin immer nur die paar hundert Meter zwischen Paul-Löbe-Haus und Café Einstein hin- und herhuschen und deshalb nicht so ein „Feeling“ dafür haben. Aus unseren Erfahrungen in Kreuzberg, München-Westend und Hamburg-St. Pauli versichern wir Ihnen: Ihre Entscheidung wird ihren „Street-cred“* enorm erhöhen.

(*Kurz für „Street-credibility“, der Begriff kommt aus dem Hip-Hop, siehe www.urbandictionary.com.)

Drittens: Lassen Sie sich nicht verunsichern vom Geschrei Ihres bayerischen Partners. Der CSU bieten Sie eine hervorragende Gelegenheit, ihr konservatives Profil zielgruppenangemessen zu schärfen. Der daraus folgende Wahlsieg ihrer Schwesterpartei nur eine Woche vor der Bundestagswahl wird Sie über die Zielgerade katapultieren.

Um etwaige juristische Auseinandersetzungen zu vermeiden, weisen wir Sie an dieser Stelle auf unsere Haftungsausschlussklausel hin und machen Sie auf Risiken und Nebenwirkungen aufmerksam:

Erstens: Ihre Entscheidung könnte zu einer Abspaltung des „Berliner Kreises“ führen oder zur Gründung eines subversiven Geheimbundes Altkonservativer innerhalb der CDU. Wir halten das aber für wenig wahrscheinlich.

Zweitens: Der gesellschaftliche Konsens wird so groß, dass Politik als überflüssig empfunden wird, die Wahlbeteiligung sinkt auf ein Rekordtief, was manche Meinungsforscher ja schon jetzt prognostizieren. Aber keine Sorge: Das Armuts- und Reichtumsgefälle in Deutschland bietet noch genug Zunder für Jahre.

Vor den Deutschen müssen Sie sich übrigens nicht fürchten. Zwar werden Homosexuelle in Deutschland im Alltag immer noch diskriminiert (da kümmern Sie sich ja jetzt sicher auch bald drum, oder?), aber insgesamt sind die Deutschen ziemlich tolerant, was Lesben und Schwule angeht, das können Sie im Eurobarometer nachlesen, aber wie wir Sie kennen, kennen Sie das ja.

Zum Schluss möchten wir Sie noch auf unsere Gold-Mitgliedschaft hinweisen. Davon trennen Sie jetzt nur noch das Betreuungsgeld, eine sinnvolle Regelung der Zuwanderung, die Vorratsdatenspeicherung und ein Quäntchen zu wenig Ehrgeiz bei der Energiewende, aber wir sind optimistisch, dass Sie das anpacken werden.

Den monatlichen Mitgliedsbeitrag von einem symbolischen Euro buchen wir ab dem Zustandekommen der Gesetzesänderungen von Ihrem Konto bei der Deutschen Bank ab mit der Bitte, Ihre Finanzierung in Zukunft über eine Ökobank abzuwickeln (Sie wissen schon: „Geld ist für die Menschen da“).

Mit queeren Grüßen und einem Küsschen (*Kicher*),

Ihre Moderne Welt

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