Meinung : „Die Deiche sind so stabil wie Schmierseife“

Claus-Dieter Steyer

Er findet die gefährlichsten Stellen im Damm, dirigiert die Bundeswehr, spricht mit der Feuerwehr über die Lage der Sandsäcke, berät den Minister und erklärt der Presse in blumigen Bildern den Ernst der Lage: Professor Matthias Freude ist als Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes eine der wichtigsten Personen bei der Abwehr der Elbeflut. Wenn das Land Brandenburg genau wie 2002 vergleichsweise ungeschoren die Katastrophe abwehren kann, besitzt der Mann mit der Schiebermütze daran einen beträchtlichen Anteil.

Manchmal scheint es, als besäße der 53-Jährige mehrere Doppelgänger: Überall, wo es entlang des 75 Kilometer langen Elbeabschnitts in der Prignitz oder im südwestbrandenburgischen Mühlberg brenzlig wird, taucht er auf. Das Geheimnis? Der Professor unterhält einen ausgezeichneten Draht zu seinen Mitarbeitern. Von ihnen erfährt er, wenn die Lage sich zuspitzt. Seit 1995 leitet er die Behörde, zuvor hatte er die Landesanstalt für Großschutzgebiete aufgebaut.

Matthias Freude drängt sich nicht vor die Kameras. Das überlässt er den Ministerpräsidenten oder Umweltministern, die von seinen Kenntnissen profitieren. So machte er bei der Oderflut 1997 Matthias Platzeck indirekt zum „Deichgrafen“ und verhalf ihm auch 2002 zu bundesweiter Aufmerksamkeit. Diesmal stattet er den neuen Landesumweltminister Dietmar Woidke mit Informationen aus. Statt in die Öffentlichkeit zu drängen, nimmt sich der in Ebersbach in der Oberlausitz geborene Vater zweier Töchter lieber Zeit, um mit Politikern und Journalisten Hintergründe zu beleuchten. Dann vergleicht er die aufgeweichten Dämme mit „Wackelpudding“, spricht von „oberschenkeldicken Löchern“ im Damm oder davon, dass die Deiche „so stabil sind wie Schmierseife“.

Doch nicht nur beim Hochwasser sind seine Fachkenntnisse erstaunlich. Er kennt sich mit Wölfen genauso aus wie mit seltenen Pflanzen. Schon lange warnt er vor einer Veränderung des Klimas. In der Wendezeit gehörte er zu jenen Visionären, die die wertvollsten DDR-Gebiete unter Naturschutz stellen wollten. Denen gelang es, dass die Volkskammer in ihrer letzten Sitzung 1990 ein entsprechendes Gesetz verabschiedete. Später wurden diese Regionen als „Tafelsilber der deutschen Einheit“ gerühmt. Professor Freude baute diese Idee für Brandenburg weiter aus, so dass heute ein Drittel der Landesfläche unter Naturschutz steht.

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