Meinung : Die deutsche Fischbude

Innovationen muss man wollen – auch im Wahlkampf

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Alexander S. Kekulé Merkel will eine Kopfpauschale, Schröder eine Bürgerversicherung. Der Kanzler will den Höchststeuersatz bei 42 Prozent lassen, die Kandidatin will ihn senken. Er will die EUBeitrittsverhandlungen mit der Türkei fortsetzen, Sie will das nicht. Sie will zwei Prozent mehr Umsatzsteuer, Er ist dagegen. Trotz der Kürze des Wahlkampfes haben sich eine Reihe von inhaltlichen Alternativen herauskristallisiert – unsere Politiker waren besser als ihr Ruf. Nur eines hat keine der Parteien entwerfen können: Eine Vision für das große Ganze, eine Positionierung für das Land der Dichter und Denker im 21. Jahrhundert.

Dabei wäre gerade diese gemeinsame Vision für das gespaltene und in seinem Ego verunsicherte Land so wichtig. Nicht nur psychologisch, sondern auch wirtschaftlich: In der zunehmend globalisierten Welt braucht die Deutschland AG eine starke „Corporate Identity“, die sie von den Wettbewerbern abgrenzt und ihre Rolle im globalen Wettstreit um Ideen und Produkte definiert. Die zunehmend ungebremsten Ströme von Menschen, Waren und Daten machen die Welt zum Dorf und den globalen Handel zum Marktplatz. Doch was gibt es an der Bude BRD zu kaufen? Womit kann sich der Michel in der Dorfgemeinschaft hervortun?

Aus der Sicht eines Naturwissenschaftlers fällt die Antwort erstaunlich leicht: Deutschland besitzt keine Bodenschätze. Dienstleistungen scheitern, abgesehen von einigen Spezialgebieten, an den hohen Personalkosten. Für Massenprodukte, von Bekleidung bis Haushaltselektronik, sind die Gestehungskosten zu hoch. Für Agrarprodukte ist die Fläche zu klein, für die Fischerei fehlt das Wasser. Deutschland hat deshalb nur eine Option, sich im Weltmarkt zu behaupten: Es muss Innovation verkaufen.

Von den innovativen Märkten hat die Biomedizin das mit Abstand größte Zukunftspotenzial. In keinem anderen Bereich wird so viel geforscht, nirgendwo explodiert das Wissen so wie hier. Die Biomedizin ist die unangefochtene Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts, dessen Herausforderungen sich gerade erst abzeichnen: Influenza, Aids und andere Seuchen bedrohen die menschliche Zivilisation wie nie zuvor. In den überalternden Wohlstandsgesellschaften werden Parkinson, Alzheimer, Gefäßverkalkung und Rheuma zu Volksleiden. Die Entwicklungsländer beginnen mit dem Aufbau einer Gesundheitsversorgung für Milliarden von Menschen. Völlig neue Therapieformen werden die Behandlung von Krebs, Diabetes und anderen schweren Krankheiten revolutionieren.

Deutschland, die einstige „Apotheke der Welt“, hat in der Forschung nach wie vor einen hervorragenden Ruf. Im Ausland versteht niemand, warum die Deutschen ihr Alleinstellungsmerkmal als globaler Innovationsmotor nicht konsequent weiter ausbauen. Ist es wirklich der Wunsch und Wille der deutschen Mehrheit, von Grippemitteln aus der Schweiz, von Impfstoffen aus den USA und von Zelltherapien aus Südkorea abhängig zu sein?

Dieses Thema steht am Sonntag leider nur begrenzt zur Wahl. Natürlich wollen alle Parteien, wie immer vor der Stimmabgabe, mehr Geld in Bildung und Forschung stecken. Doch das Beispiel der Exzellenzinitiative für die Hochschulen zeigte, wie schnell eine gute Idee durch den Widerstand einzelner Landesfürsten verwässert werden kann. Um Innovation zum Nationalziel zu machen, müssen konkrete Programme aufgelegt und konsequent verfolgt werden. Der Kampf gegen globale Infektionskrankheiten wäre ein solches Thema, das sich lohnen würde – humanitär wie wirtschaftlich.

In der Stammzellforschung, einem anderen Zukunftssektor der Medizin, stellen sich die großen Parteien stur gegen ihre Wähler: Einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zufolge befürworten 40,6 Prozent der Deutschen eine Liberalisierung der Stammzellforschung. Nur 28,3 Prozent sind dagegen, der Rest kann sich nicht entscheiden. Deutsche Wissenschaftler sagen (inzwischen fast unisono), ohne Stammzellforschung werden sie in der Biomedizin nicht Weltspitze sein. Trotzdem haben die Unionsparteien und die Grünen festgelegt, dass sie die juristischen Ketten der Forscher nicht lockern werden. Die FDP ist zwar für die Stammzellforschung, hätte aber in einer schwarz-gelben Koalition nicht die geringste Chance, damit durchzukommen. Sogar der Kanzler zog es vor, seine Sympathie für die Biomedizin lieber nicht zum Wahlkampfthema zu machen.

Offenbar glauben die Parteien, Prozente und Pauschalen seien wichtiger als ethische Grundsätze und Visionen. Möglicherweise haben sie den Wähler damit unterschätzt. Viren, Malariamücken und Krebszellen können sich jedenfalls freuen – ihnen kann es nur recht sein, wenn der Michel demnächst eine Fischbude aufmacht.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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