Meinung : Die Deutschen, ein Volk der Aktionäre?

Es wird wieder an der Börse investiert, doch den Umgang mit Wertpapieren haben die Deutschen immer noch nicht gelernt.

Henrik Mortsiefer

In der Banken- und Börsenwelt lässt sich ein Spektakel beobachten, das viele vor wenigen Wochen noch für unmöglich hielten. Die großen Banken verdienen (mit wenigen Ausnahmen) wieder Geld, der Dax ist in fünf Monaten um 50 Prozent gestiegen und die Anleger – in der Krise geschröpft und desillusioniert – kehren an den Aktienmarkt zurück. Zwar hallt das Donnergrollen der Finanzkrise nach, und die Spuren der Verwüstung sind in den Bilanzen noch sichtbar. Aber der Optimismus hebt die Stimmung, weckt den Tatendrang, macht mutiger. Jede besser als erwartet ausgefallene Quartalszahl wird dankbar registriert. Die Anleger trauen den Unternehmen wieder etwas zu – und kaufen Aktien.

Siegt da die Vernunft? Oder jagt der Markt schon wieder einer Illusion nach? Um beurteilen zu können, ob die Zögerlichen etwas verpassen und die Mutigen gewinnen werden, müssten wir in die Zukunft schauen. Dann wüssten wir, ob die Börsenoptimisten Weitsicht haben und schon den Aufschwung sehen. Aufschlussreicher ist die Empirie. Sie zeigt, dass vor allem Kleinanleger ein gespaltenes Verhältnis zu Aktien haben. Und das könnte gefährlich werden.

Bei ihrer Altersvorsorge verlässt sich die Mehrheit der Deutschen inzwischen nicht mehr auf die gesetzliche Rente. Das ist vernünftig. Der Staat kann viel, wie die Bekämpfung der Krise zeigt. Die Demografie beeinflussen kann er nicht. Die Kombination aus umlagefinanzierter und (auch mit Aktien und Fonds) kapitalgedeckter Altersvorsorge funktioniert. Zu diesem Ergebnis kommt der „Vorsorgeatlas“, der darstellt, wie die Bundesbürger Geld fürs Alter zurücklegen. Danach gehört die private Kapitalanlage für die, die es sich leisten können, zur langfristigen Lebensplanung dazu. Und: 56 Prozent, die eine Zusatzversorgung haben, sind nach der Untersuchung im Alter gut abgesichert.

Mit Versicherungen und Sparbriefen allein lassen sich die für einen komfortablen Lebensabend nötigen Renditen aber wohl kaum erzielen. Gerade für die Jüngeren sind Aktien- oder Fondsanlagen ratsam. Und hier fangen die Probleme an. Denn die Statistik zeigt, dass viele Privatanleger den Umgang mit Aktien immer noch nicht gelernt haben. In der Krise sind viele geflüchtet, haben Geld verloren, weil sie zu lange stillhielten oder zu spät eingestiegen sind. Langsam kehren einige zurück, um erneut ihr Glück zu versuchen.

Dass dieser Herdentrieb die Kleinen an der Börse zerreibt, während die Großen (fast immer) verdienen, sollten wir aus den Crashs der New Economy und des Finanzsystems gelernt haben. Wer gegen den Mainstream schwimmt, hat Chancen, mit Aktien Geld zu verdienen. Garantiert ist auch das leider nicht. Denn Rendite hat einen Preis: das Risiko. 50 Prozent in fünf Monaten hat nur verdient, wer im März schon auf den Dax gesetzt hat. Aber wer wollte damals dieses Risiko eingehen? Sich jetzt von der Hoffnung leiten zu lassen, es seien bis Ende 2009 noch einmal 50 Prozent möglich, wäre halsbrecherisch. Es ist zu befürchten, dass trotzdem viele Kleinanleger dieser Illusion nachjagen werden.

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