Meinung : Die deutschen Rumpelstilzchen

Geld wird nicht aus Dreck gemacht, schreibt Paul Nolte und plädiert für die Rückkehr zu alten Tugenden

Dominik Geppert

Die wichtigste Trennlinie in den deutschen Reformdiskussionen verläuft nicht mehr entlang von Parteigrenzen oder weltanschaulichen Lagern, sondern zwischen den Generationen. Wer jenseits der Mitte 40 ist sieht die deutsche Malaise und mögliche Rezepturen mit anderen Augen als diejenigen diesseits der magischen Grenze. Die Älteren können, was etwa den Arbeitsmarkt oder die sozialen Sicherungssysteme angeht, nur hoffen, dass möglichst viel so bleibt, wie es ist. Die anderen müssen wollen, dass sich möglichst viel ändert.

Dabei haben wir Jüngeren zwei Probleme. Wir werden immer weniger. Und wir haben es bisher beim Lamentieren belassen. Kaum einer von uns hat die Umbrüche in unserer Gesellschaft historisch oder soziologisch analysiert, mögliche Leitbilder für die Zukunft entworfen. Eine Ausnahme ist Paul Nolte, Jahrgang 1963, Geschichtsprofessor in Bremen, dessen politische Essays aus den vergangenen drei Jahren der Beck-Verlag jetzt in einem Band publiziert. Er zeichnet in zwanzig brillant formulierten, pointiert argumentierenden Texten das Bild einer veränderungsscheuen, strukturkonservativen Gesellschaft, die sich in hedonistischem Individualismus verliert und zugleich kollektivistisch erstarrt ist. Chancen, so Nolte, werden individuell genutzt, Risiken auf die Gemeinschaft abgewälzt.

Zentral für Noltes Diagnose ist das Verschwinden einer Kultur der Bürgerlichkeit in Deutschland. Im Osten hätten vierzig Jahre kommunistischer Herrschaft eine Bevölkerung geprägt, „die in Begriffen von Sicherheit, Gleichheit und Ausgleich eher zu denken gewohnt war als in Begriffen der Freiheit, Selbstverantwortung und dynamischen Entwicklung“. Im Westen ging die Entbürgerlichung schleichender vonstatten, vorangetrieben teils durch eine nivellierende Populärkultur, teils durch die antibürgerlichen Reflexe der revoltierenden Bürgerkinder von 1968.

Mit Eigenschaften wie Familiensinn, Bildungsbeflissenheit, Fleiß, Arbeitswille und Selbstständigkeit kam auch das Gespür dafür abhanden, dass Wohlstand erarbeitet werden muss, mehr Freizeit nicht selbstverständlich ist und Freiheit einen Preis hat. Nolte nennt die daraus resultierende kollektive Illusion unser „Rumpelstilzchen-

Modell“: Irgendwie werde es gelingen, aus Dreck Geld zu machen. „Weniger arbeiten, weniger produzieren, weniger investieren, sowohl beruflich als auch privat, weniger Kinder großziehen – und dennoch mehr kaufen, mehr Urlaub machen, mehr Sicherheit im Alter genießen.“

Der Weg aus der Selbsttäuschung führt für den Historiker über die Rückkehr zu bürgerlichen Tugenden. An anderer Stelle spricht er gar von einem konservativen Wertekanon: Familie, Ethik und Religion, private Sicherheit, Kritik der Massenkultur. Im Mittelpunkt steht der Begriff der Verantwortung für sich und andere. Die Alternative „Markt oder Staat“ sei überholt. Gut ist, laut Nolte, was der Förderung bürgerlicher Qualitäten nützt. Er plädiert dafür, Wahlmöglichkeiten, Markt- oder zumindest Wettbewerbsmechanismen in Deutschlands Zwangsstrukturen einzuführen, sei es im Bildungswesen oder in der Gesundheitsfürsorge. Zugleich müsse elementare soziale Sicherung durch unmittelbare, das heißt aus Steuern finanzierte, staatliche Leistungen gewährleistet werden.

Die Pointe besteht darin, dass Nolte die Wiederentdeckung bürgerlicher Werte zum Generationsprojekt erklärt. Was bis vor kurzem als vermufft, spießig, altbacken diskreditiert war, sollen die heute 30- und 40-Jährigen gegen ideologische Verblendungen und Staatsgläubigkeit der 68er, aber auch gegen die Politikferne nachfolgender Spaßjahrgänge, zum Leitbild ihrer Reformpolitik erheben.

Offen bleibt nur, woher die neue Jugendbewegung der Mittelalten ihre politische Durchschlagskraft beziehen könnte. Personalfragen diskutiert Nolte nicht. Außerparlamentarischen Oppositionsformen steht er skeptisch gegenüber. Bürger, so schreibt er, gehören in die Parlamente, nicht auf die Barrikaden. Was geschieht aber, wenn in unseren Parteien und Volksvertretungen die Zukunft keine Mehrheit findet, wenn die demographische wie demoskopische Beharrungskraft von Vergangenheit und Gegenwart sich als stärker erweist?

Der Autor ist Historiker und lebt in London.

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