Meinung : Die Dinge des Lebens

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Es hilft nichts. Jule muss doch noch lesen lernen, obwohl wir ihr das eigentlich ersparen wollten. Sie wird demnächst 14 Jahre alt, so ganz genau wissen wir es nicht. Als wir sie vor fünf Jahren adoptierten, empfanden wir es nicht als Mangel, dass sie sich für den Tagesspiegel nicht interessierte. Sie hat ein so liebes Wesen, dass man über Kleinigkeiten wie ihren Analphabetismus hinwegschaut. Und nun ist sie eigentlich über das Alter hinaus, in dem man leicht lernt. Dass wir uns dennoch in das Unausweichliche schicken müssen, war mir klar, als ich ihr erstmals das neue Festtagsragout servierte. „Mit zarter Gans, Truthahn und feinen Pilzen“ war der Doseninhalt umschrieben. Als ich den Deckel öffnete, war Jule begeistert. Dann entdeckte ich den Schriftzug auf der Innen(!)seite des Deckels. „Für Momente voller Festlichkeit und Nähe!“ Ich schaute die Kleine so festlich an, wie ich konnte. Was hilft mir das Gefühl der Nähe, grübelte ich dabei, wenn Jule davon nichts mitbekommt, weil sie die liebevolle Widmung nicht lesen kann, die die Firma nur ihretwegen auf die Innenseite des Deckels hat drucken lassen. Also muss sie lesen lernen. Es wird ein harter Job, fürchte ich. Denn unsere Katze hat das Zeug gefressen und nach mehr verlangt. Nach mehr Fressen, nicht nach mehr Widmung. apz

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