Meinung : Die Doppelmoral des Westens

Wer gegenüber dem Islam die Meinungsfreiheit betont, darf keine Holocaustleugner bestrafen / Von Roger Cohen

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Amr Mussa, der Generalsekretär der Arabischen Liga, formulierte das Problem wahrscheinlich am klarsten: „Wie steht es mit der Meinungsfreiheit, wenn es um Antisemitismus geht? Dann ist es nicht mehr Meinungsfreiheit, sondern ein Straftatbestand. Wird der Islam beleidigt, überhöhen einige Kräfte das als Ausdruck von Meinungsfreiheit.“

Dass mitten in die Gewaltwelle, die als Reaktion auf die Veröffentlichung von ein paar Dutzend Karikaturen des Propheten Mohammed in Dänemark ins Rollen gekommen ist, in Wien der britische Historiker David Irving wegen der Leugnung des Holocaust zu drei Jahren Haft verurteilt wird, schafft in gewisser Weise den perfekten moralischen Sturm.

Perfekt nicht zuletzt deshalb, weil für die Araber und die gesamte islamische Welt gerade in der ungerechtfertigten geographischen Verpflanzung westlicher und jüdischer Entrüstung über den Holocaust in den Nahen Osten hinein der Keim für die Auseinandersetzung zwischen Islam und dem Westen liegt. Damit meine ich natürlich die Empörung über die Schaffung des jüdischen Staates im Jahr 1948.

Nie wirklich von den Arabern akzeptiert, nicht einmal von denen, die formal Frieden mit Israel geschlossen haben, wird der moderne jüdische Staat von Kairo bis Riad als Verkörperung einer sich fortsetzenden westlichen kolonialen Einmischung gesehen, als Zementierung von Ungerechtigkeit durch Gewalt, als Ausdruck westlicher Verachtung für die Muslime und der Doppelmoral der westlichen Gesellschaften.

Es ist diese Doppelmoral, an der sich Mussa stört. Irving, ein Historiker, bei dem eine Schraube locker sitzt und der keiner Fliege etwas zuleide getan hat, stellte die Existenz der Gaskammern in Auschwitz in Frage – genau jener Gaskammern, die die Überlebenden aus Europa in den Nahen Osten fliehen ließen. Dafür wurde er von einem österreichischen Gericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Gleichzeitig meint Flemming Rose, der Feuilletonredakteur einer dänischen Zeitung, die Grundfeste einer globalen Religion, des Islam, durch die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed – für Muslime ein Akt von Blasphemie – bestreiten zu können. Und Europa verteidigt ihn im Namen der Meinungsfreiheit, während Dutzende Menschen sterben, von Pakistan bis Libyen.

Für viele Muslime, die sich auf einer bestimmten Ebene als Opfer einer 61-jährigen Gegenreaktion auf die Naziverbrechen fühlen – als unschuldige Sündenböcke westlicher Schuldgefühle –, könnte die moralische Einäugigkeit des Westens gegenüber dem Glauben von 1,2 Milliarden Menschen kaum bündiger zusammengefasst sein.

Die gegenwärtige hitzige Phase im Zusammenprall von Islam und dem Westen begann mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA. Aber seitdem hat eine weitere geographische Verpflanzung der Empörung stattgefunden: von Amerika nach Europa, wo rund 15 Millionen Muslime leben und wo die Konfrontation zwischen einem säkularen Westen und einem glühenden Islam am heftigsten ist.

Seit 2001 haben die Europäer miterlebt, wie ein Künstler, der niederländische Filmregisseur Theo van Gogh, auf der Straße abgeschlachtet wurde, weil er einen Film gemacht hatte, der unangenehme Fragen über die Rolle der Frau im Islam stellt. Der Film ist seitdem von der Bildfläche verschwunden.

Sie haben miterlebt, dass in Madrid Züge in die Luft gesprengt wurden, U-Bahnen und ein Bus in London, dass in den Niederlanden Schwule auf der Straße angegriffen wurden, und sie erleben jetzt, wie europäische Botschaften und Büros im Nahen Osten angegriffen und abgefackelt werden. Dies alles geschieht im Namen eines authentischen oder reinen Islam, der sich dem widersetzt, was er als den Imperialismus und die moralische Dekadenz des Westens begreift.

Viele moderate Muslime betonen, dass die Täter solcher Verbrechen eine friedliche Religion gekidnappt haben und sie nicht repräsentieren. Sie beklagen die Ahnungslosigkeit und Selbstzufriedenheit des Westens. Sie erinnern an die Tausende Muslime, die im Irak sterben, ohne das Gewissen des Westens zu rühren.

„Ist es zu viel verlangt, dass man erst die Unterschiede versteht, bevor man seine eigene moralische Überlegenheit dem, was anders ist, überstülpt?“, fragt Ozan Korman Tarman, ein in London lebender Türke.

Eine richtige Frage. Tatsache ist jedoch, dass Europa Opfer einer Kampagne der Angst geworden ist im Namen eines gewalttätigen politischen Islam. Und dass es mit den Karikaturen darauf reagiert hat. Es waren Muslime, nicht Europäer, die den Islam ins politische Feld geführt haben, dem Kerngebiet von Zeitungen und Karikaturisten.

Wie José Manuel Barroso, der EU-Kommissionspräsident, erklärt hat, muss die Freiheit dieser Zeitungen verteidigt werden, sonst „akzeptieren wir Angst in dieser Gesellschaft“.

Eine andere Form der Angst – die vor einem Neonazi-Aufschwung – liegt hinter den österreichischen und deutschen Gesetzen zur Holocaust-Leugnung. Auch diese Angst sollte nicht zu gesetzlichen Einschränkungen der Meinungsfreiheit führen. Irving ist ein Idiot, der Verachtung verdient, aber keine Gefängnisstrafe. Seine Ansichten sind abstoßend, aber nach welchen Maßstäben sind sie strafbar?

Die liberale Gesellschaft, für deren Überleben in Europa viele Millionen Menschen im 20. Jahrhundert ihr Leben gelassen haben, basiert zu einem großen Teil auf der Freiheit, Kritik zu üben, zu streiten und zu wählen. Der Nationalsozialismus war ihr Gegenstück. Autokratische arabische Gesellschaften und die islamische Auffassung von einem Gesetz, das von Gott kommt, stehen zu ihr im Widerspruch.

Diese Gesellschaft lohnt es gegen islamistischen Fanatismus und gegen Irving zu verteidigen – mit dem gleichen unverzichtbaren Mittel: der Freiheit und vor allem der Freiheit, anderer Meinung zu sein.

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