Meinung : Die Ehre der Opfer

Wenn die Befreier im Irak foltern

Caroline Fetscher

Grinsende Uniformierte leben ihre Sadismen an wehrlosen Gefangenen aus: Solche Szenen trugen sich jahrelang im Innern der Mauern von Abu Ghreib in Bagdad zu. Im Namen des Gefängnisses schwang der Klang von Angst vor Folter und Mord. Hier wurden Dutzende Häftlinge in winzige Zellen gepresst und gemeinsam erstickt, Kinder vor den Augen der Mütter gefoltert, um eine Aussage über das Versteck des Vaters zu erzwingen. In den Akten von Amnesty International und Human Rights Watch über das Regime Saddam Husseins bildet Abu Ghreib eine Zentrale des Entsetzens, ein Synonym für das Ende der Menschenrechte. Jetzt sehen wir Szenen aus Abu Ghreib dokumentiert, in denen die Befreier des Irak, US-Soldaten, Männer und Frauen in der Uniform eines demokratischen Landes, sich gesetzlos und sadistisch an Häftlingen vergehen.

In allen Debatten um den Irak-Krieg – zu Ölinteressen, Massenvernichtungswaffen, Lügen und Fehlern in der Nachkriegsplanung – gab es dann doch die Menschenrechte als gemeinsamen Nenner. Saddams Sturz beendete ein Regime des Terrors und staatlich sanktionierter Qualen. Das blieb die glückliche Botschaft im Unglück. Und nun die Fotos der Befreier, wie sie grinsend das Foltern von Wehrlosen genießen. Schicken sie uns ans Ende aller Argumente für diese militärische Intervention? Oder sollte man balancierter urteilen? Es waren ja nur wenige Soldaten. Ihr Verhalten ist untypisch, und es wird von den Vorgesetzten verurteilt. Gäbe es einen Sender „Amnesty-International-Television“, der 24 Stunden am Tag aus Saddams Abu Ghreib berichtet hätte oder heute ohne Pause das Elend Abertausender Frauen und Mädchen in der arabischen Welt zeigen könnte, wir würden die Bilder sofort klarer ins Verhältnis zum Regime Husseins setzen.

Wir wissen das. Aber Aufrechnen und Gegenrechnen ergeben weder eine Ausrede noch eine Entschuldigung. Kein schwererer Schaden für die demokratische Botschaft wäre denkbar gewesen, als die jetzt veröffentlichten Szenen. Daher reichen auch die bisherigen Reaktionen nirgends hin. Dass Präsident Bush von „Abscheu“ spricht, dass er erklärt, dieses Verhalten läge „nicht in der Natur von US-Soldaten“, dass ein britischer General droht, solche Armeeangehörige verdienten nicht „die Uniform der Queen“ zu tragen, all das ist unangemessen kraftlos. Auch weil kein Wort über die Opfer verloren wurde, sondern vor allem von der Ehre der Armee die Rede ist. „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt“ schrieb Jean Améry, der von SS-Schergen misshandelt wurde und sich 1978 das Leben nahm. Folter muss mit größter Schärfe verurteilt werden, als das, was sie ist: Ein Schwerverbrechen, die beschämendste Schande, insbesondere für eine Demokratie. Das symbolische Kapital, das hier verspielt wurde, macht jenes neue Abu Ghreib im befreiten Bagdad zum wahren schwarzen Freitag des Irak-Krieges. Begreifen Bush und Blair das nicht, haben sie den Kampf um Ansehen und Ethos der Demokratie verloren. Den Kampf, auf den es ankommt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben