Meinung : Die eigene Bestzeit

Unser Leben wird immer schneller, unsere Ungeduld immer größer: Das merkt auch die Politik

Stephan-Andreas Casdorff

Alles geht so schnell. Die Zeit läuft. Selbst der Marathon wird jetzt in nur noch zwei Stunden gelaufen; einen „Fabelweltrekord“ nennt man das, und es scheint möglich zu sein, dass dem Menschen für sich selbst keine Grenzen in der Beschleunigung gesetzt sind. Wenn es so wäre …

In den USA gibt es schon eine neue Krankheit, die „Hetz-Krankheit“, die durch den Glauben ausgelöst wird, dass wir alles erreichen können, wenn wir alles genug beschleunigen. Die Symptome: Man geht früher zur Arbeit und ist entschlossen, alles aufzuholen – und wird doch mit neuen Krisen, Unterbrechungen und Projekten konfrontiert. Am Ende des Tages hat man hart gearbeitet, so hart, wie dies möglich war, aber nichts von der Liste streichen können – sondern stattdessen weitere Verantwortungsbereiche hinzugefügt.

Unser aller Leben hat sich verändert. Der Markt, der sich permanent bewegt, die Politik, die sich verändert – was gestern noch galt, kann heute überholt sein, ein Markt, der sehr profitabel war, vollkommen verschwunden. Die Mauer in Berlin ist gefallen, die Sowjetunion hat sich aufgelöst, der Ostblock ist zerfallen, Jugoslawien zerborsten, es wurden Golfkriege geführt: Wir sind mit internationalen Umbrüchen konfrontiert, von denen jeder einzelne ohne Vorbild ist, so dass Lösungen alle Kraft erfordern – und Zeit. Eigentlich.

Die Informationsflut verdoppelt sich etwa alle 20 Monate. Mit Fax, PC, E-Mail, Internet, Satelliten verkehren wir miteinander, und zwar in Echtzeit, mit immer weniger Verzögerungen zwischen Gedanken und Handeln. Von einer Antwort ganz zu schweigen. Wir unterbrechen andere und beenden ihre Sätze; wir werden ungeduldig, wenn in Sitzungen jemand vom Thema abschweift; wir werden beim Warten schnell ungeduldig – so kann es gehen. Das Leben rennt.

Nur ist es ein Marathon, und nicht jeder kann Fabelweltrekorde erzielen, obwohl Zeitmanagement zum Speed Management geworden ist. Das sehen wir täglich an uns, und wir alle gemeinsam nicht zuletzt an der Politik. Was heute mit Hartz 1 bis 4 zur Belebung des Arbeitsmarktes beschlossen wird, kann sich nicht in Echtzeit auswirken – sondern wegen der Komplexität der Systeme frühestens in einem halben Jahr. Die Arbeit, von Gesundheit bis Steuern, mag schneller zu beenden sein, das Arbeitsergebnis aber lässt sich bei gesellschaftlichen Veränderungsprozessen nicht beliebig beschleunigen.

80 Prozent der Bundesbürger hätten es persönlich gerne etwas gemächlicher, politisch soll es gleichwohl rascher gehen. Diese Kluft zwischen den Erwartungen des Einzelnen und dem, was der Allgemeinheit an Veränderungsgeschwindigkeit möglich ist, wird allmählich deutlich: Wo sich eine Tempo-Kultur ausbildet, entwickelt sich außerdem Mut zur Entschleunigung, wenn anders das Ziel überhaupt nicht zu erreichen ist. Roman Herzog, der vormalige Bundespräsident, hat dafür ein Vorbild gegeben: Weil er Substanz präsentieren wollte, setzte er für seine Kommission einen Zeitrahmen, der sie nicht überforderte. Der Marathon in Berlin ist das zweite Vorbild: Immer mehr laufen diese lange, harte Strecke – in ihrem eigenen Tempo.

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