Meinung : Die Einheit in den Köpfen

Was ist der Grund für die Gewalt im Osten? Für Berliner eine klare Sache: die soziale Misere

Gerd Appenzeller

Der Osten klagt, der Westen verstünde ihn nicht. Der Westen klagt, der Osten jammere immer. Für alle miteinander war das alte West-Berlin ein ewiges Rätsel. Mentalitätsmäßig scheint es eben doch eine selbstständige Einheit gewesen zu sein. Aber damit ist nun Schluss. 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ticken beide Teile der Stadt immer ähnlicher. Neue Meinungsumfragen lassen vermuten: Westberlin ist im Osten angekommen.

Zwar fällt, bei den Sonntagsfragen über Präferenzen bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus und zum Bundestag, der PDS-Anteil im Osten der Stadt immer noch viermal so hoch aus wie im Westen. Aber da kommt die Vereinigte Linke nun auf sieben Prozent, während die PDS alleine früher immer unter der Sperrklausel blieb. Die CDU hingegen verlöre, würde jetzt gewählt, zwischen Reinickendorf und Neukölln massiv und läge, mit 32 Prozent, zehn Prozent unter den Zahlen für den Bund. Die SPD wird in der Hauptstadt wieder stärkste Kraft. Rot-Rot-Grün hätte hier eine satte Mehrheit von 61 Prozent.

Wer sich auf die Suche nach Ursachen des Abbröckelns der Unions-Zahlen im Osten macht, wird bei der Kompetenzfrage fündig. Die verbinden Wähler nicht nur mit Personen, sondern auch mit Politikfeldern. Sie trauen der CDU zwar mehr als den anderen Parteien zu, den Wirtschaftsstandort Deutschland voranzubringen, erwarten aber für sich selbst keine Vorteile davon: Auf die Fragen, wer Arbeitsplätze sichern und schaffen könne, wem man eine gute Steuerpolitik zutraue, wer die Altersversorgung zu sichern im Stande sei, kommt resignativ „keine Partei“. Im Westen baut man da weit mehr auf die Union.

Die jüngste Umfrage von Infratest dimap liefert auch eine Erklärung für das Ausmaß der Empörung nach Jörg Schönbohms Äußerung über die Proletarisierung im Osten als Ursache von Gewalttaten. Nur sieben Prozent der Wähler glauben, dass es einen Zusammenhang zwischen den Gewalttaten und der Erziehung in der SED-Ära gibt. 69 Prozent hingegen meinen, dass die aktuellen sozialen Probleme im Osten die Ursache seien, 14 Prozent machen die Verunsicherung unmittelbar nach der Wende von 1989 dafür verantwortlich. Zwischen den Zahlen für Ost- und denen für Westberlin gibt es keine den gemeinsamen Trend in Frage stellenden Unterschiede.

Das alles besagt nicht, dass Jörg Schönbohm Unrecht hat. Aber es belegt, dass die Bevölkerung, ob aus Überzeugung oder aus Selbstschutz, Ursachen und Wirkungen völlig anders sieht. Und es erinnert daran, wie existenziell wichtig für die meisten Menschen ein sicherer Arbeitsplatz und überschaubare Lebensverhältnisse sind. Man mag dies als Mangel an Risikobereitschaft abtun, aber wenige Wochen vor einer Wahl kann das zum entscheidenden Faktor werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar