Die EZB und der Euro : "Ich gebe mein Europa nicht auf"

Unser Autor Moritz Döbler hat die Geschichte Europas gelebt. Für ihn sind die Union und ihre Währung Errungenschaften, die er nicht preisgeben will. Zurück zu D-Mark, Grenzkontrollen und Ressentiments? Nein. Er will mehr Europa.

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Die Euro-Krise zu überwinden, meint Moritz Döbler, wird wahrscheinlich ziemlich mühsam. Aufgeben will er sein Europa noch lange nicht. Foto: dpa
Die Euro-Krise zu überwinden, meint Moritz Döbler, wird wahrscheinlich ziemlich mühsam. Aufgeben will er sein Europa noch lange...Foto: dpa

Heute beginnt eine dieser kritischen europäischen Wochen, bestimmt von Krisendiplomatie und Kommuniqués. Aber vor allem ist es die Woche des Mario Draghi. Wenn er am Donnerstag nach der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank öffentlich das Wort ergreift, hören viele besonders genau zu. Im Raum steht sein Wort, er werde gegen die Euro-Krise alles tun, was notwendig ist. Alles!

Für manche ist das ein Versprechen, für andere eine Drohung. So oder so werden seine Äußerungen binnen Sekunden an den Handelsplätzen der Welt gigantische Finanzströme in Gang setzen, weil sich Meinungen bilden, wie es weitergeht und was das bedeutet. Solche Meinungen haben selten lange Bestand. Schon am Freitag kann die Deutung anders ausfallen.

Niemand kann wissen, wie viele Staatsanleihen die EZB noch kaufen darf, ohne dass daraus ernste Probleme erwachsen. Aber alle haben eine persönliche Haltung zu diesem Europa. Das gilt auch für mich, deswegen schreibe ich hier ausnahmsweise in der ersten Person. Meine Haltung wird noch viele dieser kritischen Wochen überdauern. Für mich sind Europa und der Euro Werte an sich und Errungenschaften, die ich nicht preisgegeben wissen will. Aber das Historische daran ist für mich nicht abstrakt, sondern es ist meine Geschichte, mein winziger Teil einer europäischen Erzählung, wenn man so will.

Mein Vater, 1919 in Wilmersdorf geboren, marschierte als Hitlerjunge durchs Brandenburger Tor, wurde Offizier und kam in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Mein Stiefvater, zehn Jahre jünger, ist ein Halbjude aus Charlottenburg. Die Familie meiner Mutter ließ ihren Hof in der Uckermark zurück. Meine Schwiegermutter wurde als kleines Mädchen aus Schlesien vertrieben.

Sie alle haben später etwas aus sich machen können, und auch darin sind ihre Lebensgeschichten typisch. So unfassbar großartig ist die Entwicklung Europas seit 1945. Der Kontinent lag in Trümmern, tatsächlich und figürlich. Heute ist er der größte Binnenmarkt der Welt, und es hat wirkliche Versöhnung stattgefunden. Damit hat niemand rechnen können. Das deutsche Wirtschaftswunder hätte es ohne Europa nie gegeben. Und selbst wenn ich nur die knapp fünf Jahrzehnte meines eigenen Lebens betrachte, den relativen Wohlstand, die Sicherheit, die Freiheit, fühle ich mich beschenkt.

Darum geht es mir beim Euro. Ich will nicht zurück zu D-Mark, Grenzkontrollen und Ressentiments. Ich will mehr Europa. „Schrittweiser und strukturierter Wandel hin zu einer vollendeten Wirtschafts- und Währungsunion“ nennt Mario Draghi das. Ich kann mir noch mehr vorstellen. Wer weiß, vielleicht zieht irgendwann einmal ein Enkel von mir diesen Text aus einem verstaubten Ordner und fragt sich, wer dieser Herr Draghi eigentlich war. Um sich dann im Fernsehen den Einzug der europäischen Mannschaft in ein Olympiastadion anzusehen.

Dass Bundesbankpräsident Jens Weidmann gegen den erneuten Ankauf von Staatsanleihen eintritt, ist allerdings trotzdem richtig, weil es richtige Prinzipien sind, die er verteidigt. Einer muss es tun. Und wenn es nur dem Zweck dient, dass die EZB absehbar wieder zu diesen Prinzipien zurückkehrt.

Eine plötzliche Wendung zum Guten wird es nicht geben, nicht am Donnerstag und nicht bald. Im besten Fall verblasst die Euro-Krise langsam. Wahrscheinlich wird es ziemlich mühsam. Aber ich gebe mein Europa noch lange nicht auf.

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