Meinung : Die falsche Meldung

Der Koran wurde nicht geschändet – in seinem Namen eingesperrt wird weiter

Caroline Fetscher

Guantanamo, das ist für die Medien seit geraumer Zeit das, was man „ein gutes Thema“ nennt. Auch einer Armada von Anwälten verschafft „Gitmo“ Aufträge. Das tropische Gefangenenlager für einstige Talibankrieger und andere illegale Kombattanten ist zu einer Chiffre für all das geworden, was in Europa wie in der islamischen Welt die Amerikaphobie und den Zorn auf die Bush-Regierung schürt. Auch „Newsweek“ hatte offenbar auf solche Emotionen gezählt. In „Gitmo“, hieß es in einem inzwischen zurückgezogenen Bericht des amerikanischen Nachrichtenmagazins, seien Exemplare des Korans geschändet, eines davon gar in eine Toilette geworfen worden.

Als Pakistans Cricketstar Imran Khan diese Koran-Story aus „Newsweek“ empört auf einer Pressekonferenz zitierte, und sie sich, vor allem über Radiosender, verbreitete, entfesselte das eine Reaktion, die den Westen verblüffte. Warum geht die islamische Welt, von Südostasien bis zum Maghreb und dem Mittleren Osten, wegen einer angeblichen Schändung des Korans auf die Barrikaden? Als die schockierenden Misshandlungs-Fotos von Abu Ghraib ans Licht kamen, gab es ja auch nicht, wie in diesem Fall, mehr als ein Dutzend Tote bei Aufruhr und Krawallen.

Die Antwort ist einfach. Weil Folter in den meisten islamischen Ländern kein Skandal ist, sondern normal. Freimütig legte ein pakistanischer Lehrer gegenüber „Newsweek“ dar: „Wir können verstehen, dass man Gefangene foltert, ganz egal, auf welch abscheuliche Art das geschieht“, sagt Muhammad Archad. „Aber den Heiligen Koran zu beleidigen, das ist als würde man alle Muslime foltern.“ Folter verstehen? Dieser erschütternde Satz bezeichnet den großen Skandal, den latenten und permanent präsenten, der sich hinter dem kleineren Skandal, der Tatsache einer Falschmeldung, verbirgt. Der Lehrer gibt die Meinung großer Mengen von Menschen in islamisch geprägten Ländern wieder, wie die „Statistik der Straße“, die Anzahl und Intensität der Demonstranten, beweist. In deren Welt gehören körperliche Misshandlung, Folter, so genannte Ehrenmorde und die Willkür von Machthabern zum Alltag. Die Misshandlung von Dissidenten, von Frauen und unmündigen Kindern gilt in der Gegenwart der islamischen Länder als Selbstverständlichkeit, während die Menschenrechte, das internationale Recht, in diesem Diskurs gern als „westliche Erfindung“ rangieren.

Von der Koranschule, wo das Heilige Buch immer noch häufig mit Stockhieben auf Kinderrücken gelehrt wird, über die Ehe, in der Frauen eingesperrt und geschlagen werden dürfen, bis zu den Haftanstalten, wo Folter angewendet wird: hier ist das regressive Menschenbild der gegenwärtigen islamisch geprägten Welt – mit Ausnahme des europäischen Bosniens und Teilen der Türkei – weitgehend von der Annahme geprägt, dass Herrschaft und Hierarchie in jedweder Institution physisch gewalttätig sein dürfe. Postmoderne islamische Fundamentalisten habe die Exegese des Heiligen Buches so weit getrieben, dass der Koran diese Praxis zu rechtfertigen scheint, was unrichtig ist. „Im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Mitfühlenden“ geschieht all dies keineswegs.

Für uns im Westen bleibt zu fragen, warum Guantanamo als Thema häufiger auftaucht und faszinierender zu sein scheint, als diese schockierende Praxis und ihre Ideologie. Wer Amnesty-International-Dossiers liest, weiß von Orten des Horrors, über die zu berichten sich mindestens so sehr lohnen würde, von Kerkern, in denen Menschen vegetieren, die sich für Bürgerrechte eingesetzt haben, wie die drei Akademiker, die vorige Woche hinter saudi-arabischen Knastmauern verschwanden, da sie gewagt hatten, eine konstitutionelle Monarchie vorzuschlagen.

Daran, dass Guantanamo für die Medien ein Hit bleibt, tragen allerdings auch die USA Mitverantwortung. Längst sollte Camp Delta für Medienvertreter zugänglich sein, um, entmystifiziert, aus dem Nimbus des dunklen Geheimnisses entlassen zu werden. Die Chiffre „Gitmo“ verlöre dann ihren Reiz. Diskutiert würden, mit mehr Nüchternheit, die realen und legalen Probleme, die Guantanamo, jedenfalls bei demokratischen Rechtsstaaten, in der Tat aufwirft.

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