Meinung : Die Gegenkandidatin

Zwischenruf: „Hannelore Kraft und Angela Merkel“ vom 27. Mai

Endlich! Ursula Weidenfeld hat die nicht enden wollende Kette von Journalisten – in allen Medien, von Bettina Schausten bis Günther Jauch – unterbrochen, die seit dem Wahltag in Nordrhein-Westfalen um 18 Uhr uns allen, aber besonders der SPD nahelegen oder als zwangsläufig suggerieren wollen, dass Hannelore Kraft nach ihrem deutlichen Wahlsieg in Nordrhein-Westfalen nunmehr die Troika der potenziellen sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten zum Quartett erweitern sollte, wenn nicht müsste.

Nachdem sich auch mehrere Redakteure dieser Zeitung in die Kette eingereiht haben, widerspricht Frau Weidenfeld mit dem Argument, dass Distanz und Kälte (Angela Merkel) in der Politik wichtiger sein können als Transparenz und Empathie (Hannelore Kraft).

Damit mag sie Recht haben, doch gibt es meines Erachtens neben dem Argument des Charakters zwei weitere von noch größerem Gewicht, die von ansonsten politisch versierten Journalisten ignoriert zu finden mich sehr verwundert: Frau Kraft hat, anders als die drei im Rennen befindlichen Herren, bislang keinerlei Erfahrung auf bundespolitischem Gebiet, geschweige denn darüber hinaus in Bereichen europa- und weltpolitischer Belange. Es wäre schon deshalb in höchstem Maße riskant, ihr das Amt der Bundeskanzlerin zuzumuten. Man fragt sich aber auch, was für ein Demokratieverständnis sich hinter der „Logik“ verbirgt, dass die Siegerin einer Landtagswahl, nur, weil das Ergebnis gegenüber einem von Anfang an ungeschickt agierenden Gegner ungewöhnlich eindeutig ausfiel, nun umgehend ihre Wähler düpieren sollte, indem sie sogleich für ein Amt völlig anderen Zuschnitts kandidiert.

Wenn nicht nur die ungewohnt gleichgestimmten Medien den Sozialdemokraten Hannelore Kraft als Kanzlerkandidatin aufzunötigen suchen und dies mangels sachlicher Argumente mit Popularitätsumfragen hinterfüttern, sondern, wie die Autorin feststellt, auch SPD-Strategen hoffen, Frau Kraft trotz deren deutlicher Dementi noch dafür gewinnen zu können, dann ist zu befürchten, dass in unserem politischen System eine DSDS-, Dschungelcamp- und ESC-Mentalität Platz greift, in der demokratische Wahlverfahren zunehmend vom irrationalen, leicht manipulierbaren Quotenunwesen bestimmt werden.

Dr. Michael Jenne, Berlin-Wannsee

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