Meinung : Die Geheimnisse zweier Frauen

Von Pascale Hugues, Le Point

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Als Michael Moore gerade in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnet worden war, wurde er allen Ernstes von einer französichen Nachrichtenmoderatorin gefragt, ob er mit seinem Film George Bushs Wiederwahl verhindern wolle. Der dicke Mann glaubte an einen Scherz und brach in schallendes Gelächter aus. Ende des Interviews.

Im Vergleich dazu ist Eva Köhler, Deutschlands neue First Lady, viel zu gut erzogen. Als ein Journalist sie kürzlich allen Ernstes fragte, ob sie der SPD deshalb den Rücken gekehrt habe, weil ihr Mann das so angeordnet habe, erinnerte sie nur höflich daran, dass sie ihre eigenen Meinungen habe. Welcher Idiot konnte es wagen, einer dermaßen souveränen und intelligenten Frau eine dermaßen unverschämte und dumme Frage zu stellen? Eva Köhler wird gewiss nicht jene trottelige Art von First Lady abgeben, die im engen Kostümchen ihrem Mann hinterhertrappst, ein festgegipstes Lächeln zur Schau stellt und in ihren freien Stunden Kochbücher schreibt. Auch wenn, verehrte Herren Abgeordnete, ein gutes Kochbuch für die Menschheit immer noch wertvoller ist als eine Rede ohne Esprit!

Letzte Woche habe ich eine Zusammenfassung der hitzigen Debatte gelesen, die einst in Frankreich um die Zulassung von Frauen zur höheren Schulbildung enbrannte. Junge Mädchen, argumentierte damals ein Reformgegner, „sollten in poetischer Unkenntnis der Geheimnisse der Dinge verbleiben“. Das war 1880. „Frauen sind zu emotional, nur Männer haben das Zeug zur Vernunft“, brabbelte ein deutscher Steuerzahler ins ARD-Mikrophon. Das war am vergangenen Sonntag.

Unter der Reichstagskuppel wurde Gesine Schwan zur heimlichen Königin Deutschlands gesalbt. In ein paar Wochen hat sie das geschafft, was Gerhard Schröder und seiner Armada von Medienberatern seit Monaten nicht gelingen will. Worin besteht das Geheimnis ihrer unwiderstehlichen Verführungskraft? Wie konnte diese Frau der gesamten Nation den Kopf verdrehen? Wer das nicht begreift, muss ein ähnlicher Idiot sein wie jener deutsche Steuerzahler: Ihr strahlendes Lächeln. Ihre Umarmungen. Ihr Lachen, mit zurückgeworfenem Kopf, ihre einfachen, intelligenten Sätze, ihre hochgesteckten Barocklocken. Und diese hübschen Beine unter dem knallroten, ein paar Zentimeter zu kurzen Rock … Gesine Schwan ist eine Frau, und sie macht kein Geheimnis daraus.

Keine Emanze, die ihr Familienleben, ihre Liebschaften, ihre Sinnlichkeit und ihre Koketterie einer Mission unterwirft. Keine Frau im Gewand eines Manne, wie all jene Politiktransvestiten mit ihren anthrazitfarbenen Kostümen und praktischen Kurzhaarschnitten, ihrem Cowboygang und barschen Tonfall. Keines jener eisigen, griesgrämigen Thatcher-Weiber, die sich per Ellbogen durch den Raubtierkäfig des Parlaments rempeln. Keine Frauenbewegte, die in ihren Dogmen erstarrt ist. Und auch keine Apparatschika, die wie besessen Stufe um Stufe der Parteihierarchie erklimmt, die seit Jahren nicht mehr U-Bahn gefahren ist, keinen Streit im Kindergarten geschlichtet hat, keinen kranken Verwandten gepflegt hat. Nein, nein und nochmals nein. Gesine Schwan und Eva Köhler sind zwei Frauen, die wissen, dass Charme und Humor die beste Abwehr gegen die Härten des Lebens sind. Mit diesen Qualitäten haben sie die Deutschen erobert. An emotionalen Frauen – genau, Herr Steuerzahler, an emotionalen! – mangelt es in diesem Land. An Frauen, die die Geheimnisse der Dinge kennen.

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