Meinung : Die Generation XXL lässt niemanden vorbei

Wie die 40- bis 55-Jährigen die Agenda des Landes beherrschen – eine Polemik

Ursula Weidenfeld

Wer das hier liest, sollte sich keine Illusionen machen. Die Autorin dieser Zeilen ist selbst ein Mitglied der zur Debatte stehenden Generation. Sie erklärt vorab, dass sie kein Interesse an der Änderung der bestehenden Verhältnisse hat.

Die bestehenden Verhältnisse sehen so aus: In diesem Land sind die 40- bis 55-Jährigen in den vergangenen Jahren an die Macht gekommen. Sie bestimmen die Politik, sie führen die Unternehmen, sie sitzen auf den Professorenposten, sie bestimmen die öffentliche Meinung. Sie leiten die interessantesten Talkrunden, die größten Zeitungen, beherrschen die wichtigsten Sender. Die Generation der Babyboomer ist endlich erwachsen – und nutzt ihre schiere Masse, um die Agenda zu setzen.

Sie lässt niemanden vorbei. Die nachwachsenden Generationen werden mal gutmütig zur Generation Nutella verniedlicht, mal mitleidig zur Generation Praktikum verballhornt. Erleichtert wird die Sache dadurch, dass die Kleinen es ja mit sich machen lassen und sich lieber in der Mehrgenerationen-Wärmestube in den Arm nehmen lassen, als den Kampf um den eigenen Platz aufzunehmen.

Die 40- bis 55-Jährigen setzen die Themen nach Belieben. Waren sie im vergangenen Jahrzehnt noch daran interessiert, das Thema Nachwuchsförderung politisch groß zu machen, haben sie nun aus leicht einsichtigen Gründen umgesteuert. Jetzt wird lautstark die Weiterbildung der Älteren gefordert, der Jugendwahn wird gegeißelt und Erfahrungswissen wird für wichtiger gehalten als Innovation. Offensichtlich ist auch, warum die Begeisterung für mehr Bildung in Kindergärten und Schulen kaum noch Grenzen kennt: Wenn die heutigen Kinder in den Beruf kommen, ist die Generation Babyboom ein bisschen müde und möchte gern in Rente. Dann wird sie in der Arbeitswelt Platz machen für den ertüchtigten Nachwuchs. Aber erst dann.

Bis dahin wird sie die erworbene strategische Kompetenz nutzen, um auf allen Feldern des Lebens in diesem Land die Interessen der Älteren zu wahren. Sie haben sich auf den Antiatomkraft-Demos von den Wasserwerfern der Obrigkeit nass spritzen lassen. Dort, an der Front, sind ihre eigenen Biografien mit dem Atomausstieg verschmolzen - kein Wunder, dass eine Verlängerung der Laufzeiten unmöglich ist. Die Babyboomer zwingen Verlage dazu, die Bücher größer zu drucken, weil jetzt das Augenlicht nachlässt. Nach und nach gewinnen sie auch Gefallen an solidarischen Krankenversicherungssystemen – es ist eben nicht immer ein Spaß, im Alter privat versichert zu sein. Die alternde Gesellschaft, eine Horrorvision? Für die Jungen vielleicht. Die Alten bleiben in der Mehrzahl.

Es ist nicht so, dass diese Generation egoistischer oder unverantwortlicher wäre als ihre Vorgänger am Steuerrad. Aber hier sind Millionen am Werk, die jetzt und künftig die Wählerstimmen, den Einfluss, den Besitz auf sich vereinen. Freiwillig werden sie diesen Platz niemals räumen. Ein Rat an die Jüngeren? Werdet gefährlich. Sonst werdet ihr nie etwas.

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