Meinung : Die goldene Regel

Serie „Schulen in Berlin“

Das Problem ist nicht der Migrationshintergrund, sondern die Unbildung der Eltern: mit oder ohne Migrationshintergrund. Die Konzentration an Eltern, denen nicht klar ist, wie viel Geld, Grips und Zeit die Erziehung eines Kindes im 21. Jahrhundert in Europa erfordert, wenn man möchte, dass aus ihm etwas wird. Die meisten Eltern hätten genug Geld, um einem Nachhilfelehrer 8 Euro bis 10 Euro pro Stunde zu bezahlen, der mit ihren Kindern für die Schule übt, wenn sie es selbst nicht können. Aber das Auto einmal die Woche vollzutanken, fünf oder sechs Handys zu besitzen, einmal im Jahr eine neue Couchgarnitur zu kaufen oder in den Herbstferien nach Dubai zu jetten ist viel wichtiger, auch im vermeintlich „armen“ Rollbergviertel. Diese Eltern setzen andere Prioritäten. Aber was machen wir? Wir gebildeten Mittelschichtler schauen weg oder meckern. Wo bleibt eine Familienplanungspolitik, die vor der Schwangerschaft aufklärt? Im Rollbergviertel im Norden von Neukölln leiden wir schon lange darunter. Und vermissen jene Eltern, die ein Zeitgefühl haben, einen Kalender führen, Termine aufschreiben, ihre Kinder nicht streng, sondern konsequent erziehen und nachhaltig „nein“ sagen, in ihrer Muttersprache mit den Kindern die Uhr lesen lernen, sich jeden Tag eine halbe Stunde mit ihren Kindern hinsetzen und für die Schule arbeiten. Denn ich staune sehr, dass jeder versteht, dass mehrmals die Woche trainiert werden muss, wenn man gut Fußball spielen möchte, aber keiner wahrhaben will, dass diese goldene Regel auch für Mathe oder Deutsch gilt. Egal, ob es sich um Deutsche, Polen, Türken oder Araber handelt. Hinzu kommt, dass in arabischen/türkischen/balkanischen Familien die Mütter fast allein erziehen, obwohl sie verheiratet sind, weil sich Männer kaum um die Erziehung ihrer Kinder kümmern. Man stelle sich vor, was es heißt, jeden Tag für sechs bis neun Personen einzukaufen, zu kochen, zu waschen, zu putzen. Ich bewundere diese Frauen, deren Kinder immer akkurat, sauber angezogen und gepflegt sind. Für schulische Förderung bleibt einfach keine Zeit. Gott sei Dank kommen jetzt als Schülerhelfer „Hipster“ zu uns. Sie sind Vorbilder für Kinder und Jugendliche und aus der ganzen Welt hier gelandet. Jammern und meckern ist einfach, Änderungen herbeizuführen schwierig. Statt sich über „die Migranten“ zu empören, sollte jeder, der lesen, schreiben und rechnen kann, überlegen, ob er nicht mit einem Kind/einem Jugendlichen regelmäßig zusammenarbeiten möchte. Und gebetsmühlenartig den Eltern erklärt, wodurch sie ihren Kindern helfen: weniger Fernsehen, keine Playstation, kein Junkfood, viel Schlaf. Die meisten Eltern sind willig und dankbar (auch die Väter!), wenn man konkrete Tipps gibt. Wir sind, liebe Leser vom Tagesspiegel, die europäische Gesellschaft. Wir haben große Gestaltungsmöglichkeiten, um Hartz-IV oder kriminelle Karrieren zu vermeiden. Allein auf die Eltern der betroffenen Kinder zu setzen, dauert zu lange und bringt nicht viel. Lasst uns nicht meckern, polarisieren und polemisieren wie in meinem Heimatland Frankreich, sondern handeln! Denn diese Kinder und Jugendlichen sind toll, sie sind die Zukunft Deutschlands und Europas.

Gilles Duhem, Berlin-Neukölln

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