Meinung : Die große Kränkung

Putin macht aus Tschetschenen Islamisten – und gefährdet so unsere Sicherheit

Bernd Ulrich

Am liebsten würde man sagen: Was geht es uns an, wenn eine mit barbarischen Methoden kämpfende russische Armee immer tiefer in den Konflikt mit den eher noch barbarischer handelnden tschetschenischen Terroristen gerät? In der kalten Sprache politischer Interessen gesagt: Auf die Tschetschenen haben wir Europäer ohnehin wenig Einfluss. Und die Russen können wir nicht wirklich unter Druck setzen, weil sie Unmengen von Atomwaffen besitzen. Deshalb ist die Stabilität ihres Staates auch für uns weit wichtiger als die staatliche Selbstständigkeit irgendeines Bergvolkes, das noch dazu mit terroristischen Methoden kämpft.

Man möchte auch einfach den Kopf schütteln über Wladimir Putins Sturheit, mit der er an einer Tschetschenienpolitik festhält, die ihn schnurstracks in eine Lage bringt, wie sie aus dem Nahen Osten schon bekannt ist. Siegen kann er nicht, ernsthaft verhandeln will er nicht, die Sicherheit seiner eigenen Leute in Grosny und selbst in Moskau kann er ebenso wenig gewährleisten wie Ariel Scharon in Israel. Also abgehakt unter: So verrückt ist die Welt, was geht’s uns an!

Einmal abgesehen davon, dass Menschenrechtsverletzungen und Terrorismus demokratische Regierungen nie ganz kalt lassen können oder dürfen, erleben wir im Moment, dass dort unten, dort hinten auf der Weltkarte, etwas Neues zusammenwächst – ein über die nationalen Grenzen hinwegreichender militanter Islamismus. Denn der Tschetschenen-Konflikt war ursprünglich so wenig islamistisch wie der Palästina-Konflikt. Beide jedoch erlebten und erleben ihre Islamisierung. Das hat auch mit den Kampfformen zu tun, genauer mit der schärfsten Waffe von Palästinensern und Tschetschenen: dem Selbstmordattentat. Dieses hinterhältigste und zugleich effektivste Instrument eines militärisch unterlegenen Gegners setzt wiederum eine Art von Märtyrer-Ideologie voraus. So braucht die „optimale“ Waffe die islamistische Ideologie, und die gebiert wiederum neue Attentäter.

Auf diese Weise vereinheitlicht, radikalisiert und verbreitet sich der militante Islamismus. Und wenn die Analyse ernst gemeint ist, dass der Kampf gegen den internationalen Terrorismus ganz unmittelbar auch im deutschen Interesse liegt, dann müsste sich die Bundesregierung mehr als bisher für die Tschetschenienpolitik des Wladimir Putin interessieren. Für die israelische Haltung im Nahen Osten kann man immerhin noch Verständnis haben, für einen russischen Staatschef, der aus diesem Präzedenzfall nichts lernen will, schon nicht mehr. Dem Oberhaupt eines Riesenreiches würde eine Abkehr von seinem Kurs auch viel leichter fallen als dem Premier des winzigen Landstreifens Israel. Putin könnte mit einer Mischung aus polizeilicher Härte und politischen Angeboten dem tschetschenischen Terrorismus den Boden entziehen.

Noch. Aber je länger das so weitergeht, desto weniger bezieht der Konflikt seine militante Energie aus realen Problemen des tschetschenischen Volkes. Umso mehr wird er nur eine von vielen Bühnen der großen Inszenierung: Unterdrückter, gedemütigter Islam wehrt sich heroisch gegen den Westen und gegen alles, was ihm ähnlich sieht.

Diese gigantische, inszenierte Kränkung ist dann durch einzelne Maßnahmen, durch Entgegenkommen hier und da nicht mehr zu heilen. Sie will auch gar keine kleinen Schritte, sondern irgendeine unnennbare große Geste, sie will den Sieg, den sie nicht bekommen wird. Der abstrakte, unersättliche, revolutionäre und daher an den konkreten Leben wirklicher Menschen desinteressierte Islamismus steuert dann wirklich auf einen Zusammenstoß der Kulturen zu.

Der harte, dumme Kurs von Putin gefährdet unsere Sicherheit. Es wäre schön, wenn die Bundesregierung endlich eine geeignete Form finden würde, ihm das mitzuteilen.

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