Meinung : Die große Leere

Das deutsche Ausbildungssystem galt als einzigartig, doch die Zeit hat es überholt

Ursula Weidenfeld

Gestern war ein guter Tag für viele tausend Jugendliche. Die deutschen Unternehmen werden sich stärker anstrengen, und mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, als sie eigentlich vorhatten. Das ist allemal besser als ein unsinniges und undurchführbares Gesetz.

Die schlechte Nachricht ist, dass jetzt wahrscheinlich drei Jahre lang gestritten wird: Ob die versprochenen Quoten auch erfüllt werden? Was zu tun ist, wenn nicht. Ob dann das Ausbildungsplatzumlagengesetz doch kommen muss. Wer zu naiv und gutgläubig war. Und wer sich von wem hat an der Nase herumführen lassen. Für Unterhaltung ist also gesorgt.

Schade nur, dass die wichtigste Frage in diesem Streit keine Rolle spielen wird: Was taugt das deutsche System der Berufsausbildung wirklich? Und was muss geändert werden, damit es wieder attraktiv genug wird, um ohne Druck und Drohungen zu funktionieren?

Ursache der Krise auf dem Lehrstellenmarkt ist eben nicht die schlechte Konjunktur und sind auch nicht nur demografische Phänomene. Das angeblich beste Ausbildungssystem der Welt ist selbst zum Problem geworden. Wer fragt, warum dieses weltweit so einzigartig erfolgreiche System weltweit einzigartig geblieben ist, der gilt als Verräter.

Viele Unternehmen bilden nicht aus, weil es für viele Jobs in Hightech-Unternehmen und Internetfirmen weder Ausbildungsberufe noch Meistertitel gibt. Viele Firmen finden für ihre Ausbildungsberufe nicht mehr die richtigen Bewerber. Lagerarbeiter zum Beispiel, war früher ein Beruf, den auch mäßige Schulabgänger mit eingeschränkten sprachlichen Fähigkeiten erlernen konnten. Heute muss man nicht nur ziemlich schlau sein, um sich in den Logistikketten der großen Lager zurechtzufinden. Man muss auch reden, organisieren und meist sogar Englisch können. Andere Berufsbilder entstehen so schnell und verschwinden auch so zügig wieder, dass niemand auf die Idee kommen würde, dafür eine Lehre zu erfinden

Und: Viele, die einen Ausbildungsplatz suchen, sind gar nicht ausbildungsfähig. Sie können nicht rechnen und schreiben, wenn sie von der Schule kommen – klagen die Unternehmen. Diese „praktisch Begabten“, wie die Politiker sie nennen, haben im Hochlohnland Deutschland unter den geltenden Bedingungen ohnehin kaum Chancen – egal ob sie eine Lehrstelle oder ein Praktikum suchen. Für sie müssen neue Ausbildungswege erfunden werden, für sie ist das duale System nicht mehr geeignet.

Ein Gesetz zur Ausbildungsplatzabgabe hätte auf all diese Fragen keine Antwort. Deshalb ist es gut und vernünftig, dass es keines geben wird. An diesen Problemen wird aber auch der Ausbildungspakt nichts ändern. Mit Zähnen und Klauen wird ein Ausbildungssystem verteidigt, das seine unbestrittenen Vorzüge in vielen Branchen längst eingebüßt hat.

Internationale Studien haben ergeben, dass selbst der bisher entscheidende Vorteil des dualen Ausbildungssystems sich langsam aber sicher in sein Gegenteil verkehrt: der Erfolg der betrieblich Ausgebildeten auf dem Arbeitsmarkt. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist vergleichsweise niedrig, weil viele Jugendliche nach der Lehre direkt von ihren Unternehmen übernommen werden. Doch der Sprung über diese erste Beschäftigungsschwelle wird teuer erkauft. Denn die in den Unternehmen ausgebildeten jungen Erwachsenen sind später auf dem Arbeitsmarkt wesentlich unflexibler. Sie tun sich schwerer, die Firma zu verlassen – oder sich in einen neuen Beruf einzuarbeiten.

Die Bundesregierung und die Industrie- und Handelskammern haben sich gestern auf ein Mehr vom Gleichen geeinigt. Einen Vertrag für die Zukunft haben sie nicht hinbekommen.

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