Die Grünen : Es geht auch ohne Joschka

Der Erfolg der Grünen bei der Europawahl zeigt, wie tief deren Milieu in Stadt und Land verankert ist - gerade auch in Berlin.

Gerd Nowakowski

W as wurden sie verspottet für den albernen und unverständlichen Slogan auf den Plakaten. Aber mit „Wums“ – „Wirtschaft und Umwelt, menschlich und sozial“ haben es die Grünen nach Europa geschafft. Mit richtig viel Wums.

In Berlin sind sie zweitstärkste Partei; fast gleichauf mit der CDU – zusammen hat Schwarz-Grün sogar eine absolute Mehrheit in der rot-rot regierten Hauptstadt. In einigen Bezirken machten bis zu 45 Prozent der Wähler ihr Kreuz bei der Ökopartei. Bundesweit sind die Grünen noch vor der FDP drittstärkste Kraft geworden; in Baden-Württemberg eroberten sie Freiburg und Stuttgart und schnitten auch in anderen Großstädten hervorragend ab. Und das alles, obwohl sich die Truppe kürzlich wie in alten Zeiten über die Koalitionsaussage zur Bundestagswahl fetzte und vor nicht langer Zeit prophezeit wurde, ohne Joschka Fischer sei für die Ökos kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Die Grünen haben sich als Kraft etabliert, die aus den Regionen wächst – und sie haben anders als SPD, CDU und auch FDP einen Wahlkampf mit wirklich europäischen Themen geführt. Umweltschutz, Verbraucherschutz und Verkehrspolitik – das sind die Politikfelder, bei denen sie für die Wähler glaubwürdig sind. Zum Erfolg trägt auch bei, dass sie sich in den Städten profilieren – in Berlin beim Kampf gegen den Ausbau der Stadtautobahn, in Stuttgart beim Widerstand gegen den umstrittenen Großumbau des Hauptbahnhofs, bei dem fast die gesamte Innenstadt umgegraben werden soll. Weil ihre Klientel proeuropäisch denkt, ist es den Grünen auch gelungen, ihre Wähler zu mobilisieren, während die Sympathisanten anderer Parteien am Sonntag lieber zu Hause blieben.

Die Großstädte waren immer der gedeihliche Nährboden für die grüne Parteipflanze. In Berlin ist zu beobachten, wie tief inzwischen das grüne Milieu verankert ist. In den vergangenen 25 Jahren sind die einstigen Alternativen lebensgeschichtlich durch alle Generationen gewachsen. Ihre Stimmen kommen von liberal-bürgerlichen Wertkonservativen, die Verteilungsgerechtigkeit und Umweltschutz wünschen, wie von den verrenteten 68ern, sie werden gewählt von ungebundenen Neu-Berlinern, die lebendige Innenstädte und ein ökologisches Nahverkehrssystem möchten, und jungen Eltern, die an guten Schulen interessiert sind. Im Wahlergebnis schlägt sich auch die Skepsis nieder, ob Milliardenpakete auf Steuerzahlerkosten zur Rettung der Autoindustrie sinnvoll sind, während ökologisches Wirtschaften keine Konjunktur hat.

Der grüne Erfolg ist nicht auf Deutschland beschränkt. In England erreichten sie 14 Prozent, in Frankreich verdoppelten sie ihr Ergebnis auf 16 Prozent. Spitzenkandidat Daniel Cohn-Bendit landete in Paris ebenfalls auf dem zweiten Platz. Auch an der Seine, in der Partnerstadt Berlins, sind die Sozialisten die Verlierer. Die Städte werden grün. Das wird Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit zu denken geben.

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