Meinung : Die guten und die bösen Waffen

Malte Lehming

Zu Zeiten des Kalten Krieges stand die Doktrin der nuklearen Abschreckung stets vor einem Dilemma. Wie soll die Drohung mit dem Einsatz einer Waffe glaubwürdig sein, die einen Vergeltungsautomatismus auslöst, an dessen Ende jeder tot ist, der Angreifer wie der Verteidiger? Um dieses Dilemma abzuschwächen - entkommen konnte ihm keiner -, entwarfen die Strategen das Konzept der "flexible response". Immer kleinere Amtomwaffen wurden gebaut, um auch "begrenzt" Vergeltung üben zu können. Als Resultat wurde ein neues Dilemma geschaffen: Je glaubwürdiger die Abschreckungsdrohung, desto wahrscheinlicher wurde ein Einsatz von Atomwaffen. Zum Glück fiel irgendwann die Mauer.

An einer Tatsache indes hat sich seitdem nichts geändert: Atomwaffen sind allenfalls ein politisches, niemals aber ein militärisches Instrument. Kaum ein Szenarium ließe sich konstruieren, in dem deren Einsatz moralisch gerechtfertigt wäre. Selbst die Abwürfe über Hiroshima und Nagasaki, die den Widerstand der japanischen Faschisten brachen, waren ohne Zweifel Kriegsverbrechen. Denn auch in einem "gerechten Krieg" ist das absichtliche Töten von Zivilisten unter allen Umständen verboten.

Am Wochenende wurde bekannt, dass die US-Regierung Pläne für den Einsatz von Atomwaffen gegen sieben spezifisch genannte Länder erarbeiten lässt. Zudem will die Administration um Präsident George W. Bush Mini-Atomwaffen für bestimmte Gefechtslagen entwickeln.

Der Rest der Welt ist darüber in heller Aufregung, während die USA abwiegeln. Konkret sei noch gar nichts, heißt es in Washington, das Papier drücke lediglich den Wunsch der Amerikaner nach einer gewissen Modernisierung ihrer Bestände an Massenvernichtungswaffen aus. Bis heute halten die USA an der Option fest, Nuklearwaffen äußerstenfalls als Erste einzusetzen.

Einen Beleg dafür, dass der Skrupel der Amerikaner, Atomwaffen einzusetzen, geringer geworden ist, bietet das Papier nicht. Verdächtigungen und Ängste dieser Art sind also überzogen.

Bestätigt freilich werden zwei andere Vermutungen. Erstens unterscheidet die Bush-Regierung sehr genau zwischen den eigenen, guten und nützlichen Beständen an Massenvernichtungswaffen und jenen fremden, bösen und gefährlichen Waffen von Ländern wie dem Irak und Nordkorea. Zweitens betreiben sie bewusst eine Politik der Einschüchterung, um weltweit ihre Interessen durchzusetzen. Gefährliche Gedankenspiele sind ein Bestandteil dieser Strategie. Vielleicht war es der Regierung gar nicht unlieb, dass der geheime Bericht jetzt ans Tageslicht kam. Zum Halbjahresjubiläum des 11. September macht sich eine Zusatzportion Einschüchterung ganz gut.

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