Meinung : Die Häutungen der Deutschen

Grass wird nun Opfer einer Unerbittlichkeit gegenüber der eigenen Geschichte, die er selbst einst mit aufgebaut und vertreten hat

Hermann Rudolph

Es ist kein schönes Bild: Die Bombe ist hoch gegangen, und nun ist die Kulturnation dabei, die Splitter zusammenzulesen. Dabei verläuft die Debatte bis jetzt erstaunlich moderat und differenziert. Niemand dreht Grass aus seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS allein einen Strick, obwohl die ja auch nicht gerade eine Bagatelle ist. Aber bei einem unter den zeitgemäßen martialischen Erziehungsdevisen aufgewachsenen jungen Mann in chaotischen Zeiten ist dergleichen vorstellbar. Die Herausforderung, nein: das Skandalöse am Fall Grass ist das bewusste Verschweigen dieses gravierenden Teils seiner Biografie.

Denn daran kann kein Zweifel sein: Grass, der Großschriftsteller, der Nobelpreisträger, die moralische Instanz für viele hat diesen dunklen Punkt seiner Biografie nicht vergessen. Er hat mit ihm gelebt, sich seiner Offenlegung verweigert, ihn mit dem Gefühl der Scham und literarischen Absichten sozusagen ruhig gestellt. Der Schock dieses Verhaltens gewinnt Figur in der Fassungslosigkeit von Lars Gustafson, dem bedeutenden schwedischen Autor, Grass seit langem freundschaftlich verbunden: „Man stelle sich vor: 60 Jahre Schweigen.“ Man kann nachvollziehen, weshalb viele von denen, die in Grass eine intellektuelle und politische Instanz sehen, sich belogen und betrogen fühlen.

Dieses Schweigen wirft moralisch-psychologische Fragen auf: Wie hält das einer durch, fast ein ganzes Leben mit der sprichwörtlichen Leiche im Keller zu verbringen? Wie rechtfertigt er das vor den anderen, denen gegenüber er die moralische Instanz gab, aber auch vor sich selber? Es fordert aber auch ein Gefühl der Betroffenheit heraus, das weiter reicht. Es betrifft diese Generation, die blutjung noch in die Blut- und Knochenmühle des Krieges gerissen wurde und mit diesen traumatischen Erfahrungen eine ganze Nachkriegszeit durchlebt hat. Denn Grass’ Verschweigen seiner Waffen-SS-Zugehörigkeit kann auch als ein Maß für das Albtraumgewicht gelten, mit dem sie auf ihm gelegen haben muss. Und sie sagt etwas aus über die Nachkriegszeit – über ihre (begrenzte) Eignung für ein freies Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, für den menschlichen Umgang mit Schuld, für die Anerkennung der Schicksale, die Menschen damals ereilt haben.

Was Grass dazu zu sagen hat, ist nicht sehr ergiebig. Man tut ihm nicht unrecht, wenn man findet, dass es jedenfalls nicht auf der Höhe des Problems ist. Denn spätestens mit der Verweigerung der Auskunft über die Gründe seines Schweigens mündet der Fall Grass in das unübersichtliche Gelände des Umgangs der Deutschen mit ihrer Vergangenheit. Es ist eins der großen, leidigen, kaum auszulotenden Themen der Nachkriegsgeschichte. Es ist einer der wichtigsten Schauplätze, auf dem die Bundesrepublik um ihre Rechtfertigung als demokratischer Staat und als liberale Gesellschaft gerungen hat. Es ist auch das Feld, auf dem Grass zur öffentlichen Figur geworden ist, als Autor und mit seinem politischen Engagement.

Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Vergangenheit ist auch – das darf heute gesagt werden mit aller gebotenen Zurückhaltung – eine Geschichte, die zur Genugtuung Anlass gibt. Inzwischen bescheinigen ihnen viele, dass sie den Drachenkampf mit der Hinterlassenschaft des Dritten Reiches erstaunlich und nicht ohne Erfolg geführt haben; fast glauben sie es selbst. Nach Grass’ Geständnis lesen sich nicht nur dessen Verlautbarungen anders, sondern auch diese Geschichte. Wir weltweit zur Berühmtheit gelangten Vergangenheitsbewältiger, sozusagen die Weltmeister in der Disziplin Erinnerungskultur, sind, wieder einmal, von der Vergangenheit eingeholt worden.

Aber das kann doch nur Anlass sein, sich vor Augen zu halten, dass der Umgang mit der Vergangenheit immer eine prekäre Sache war. Die Zunahme im Bewusstsein von Freiheit, Demokratie und Zivilität, auf den wir uns so viel zugute halten, durchaus zu Recht, ist das Ergebnis einer quälenden Prozedur. In ihr steckt eine über die Jahrzehnte hin andauernde Pendelbewegung zwischen Verschweigen und Zur-Sprache-Bringen, zwischen pragmatischer Vernunft und moralistischer Rigorosität. Wobei keineswegs ausgemacht ist, welche Position zum jeweiligen Zeitpunkt besser begründet war.

Es gehört zu den ironischen Umständen des Falles Grass, dass sein Umgang mit seinem Geheimnis zurückverweist auf die frühen Jahre dieser Auseinandersetzung. Es ist, verwundert nimmt man es zur Kenntnis, sozusagen Geist von deren Geist. Denn deren herausragendes Moment war ja nicht die „Schuldfrage“ – so der Titel des großen, von Karl Jaspers angestellten Aufarbeitungsversuches vom Jahre 1946 –, sondern eine Sprachlosigkeit und Verschlossenheit, die – von heute aus gesehen – zwar erklärbar sein mag, aber doch bedrückend anmutet.

Mit den 60er Jahren geriet dieser defensive, irgendwie auch einverständliche Umgang mit der Vergangenheit auf die Anklagebank des öffentlichen Bewusstseins. Nun begann eigentlich erst die „Vergangenheitsbewältigung“, die für zwei, drei Jahrzehnte zum Programm des aufgeklärten Deutschland wurde, so fragwürdig der Terminus sein mag. Damit betrat auch, als Träger dieser Wende, die Generation die Szene, die seit einiger Zeit als die „Fünfundvierziger“ zu zeithistorischen Ehren kommen. Es sind die Jahrgänge, die noch vom Dritten Reich geprägt wurden, in den frühen Nachkriegsjahren ins Erwachsenenalter hineinwuchsen, um dann, als Adenauer gerade ging, an der Rampe der deutschen Szene aufzutauchen. Also (auch) Grass, einer ihrer Protagonisten.

Man kann sich diese Konstellation nicht verzwickt genug vorstellen, komplex und konfliktträchtig in einem. Natürlich war die Auseinandersetzung notwendig, die mit dem Dritten Reich ebenso wie mit denen, die sie nur halbherzig betrieben hatten. Aber angestoßen wurde dieser mächtige, das öffentliche Klima tief verändernde Impuls eben nicht nur von dem Willen dieser Generation, dass dieses Land endlich zu Demokratie und Fortschritt finden solle, sondern auch von ihrem Ringen mit der eigenen Vergangenheit – mit dem Fähnleinführer, der man eben noch gewesen war, dem jungen Soldaten, der überlebt hatte, während zahllose Kameraden neben ihm ins Gras bissen, dem begeisterten An-den-Endsieg-Glauben, der uns heute noch den Atem nimmt.

War es wirklich das Bewusstsein von Schuld, das sie umtrieb und antrieb? Vielleicht wäre es fairer, von dem Gefühl der Mitverantwortung zu sprechen, auf einer Seite Hurra geschrien zu haben, die nun so desaströs geendet hatte, vielleicht sogar eher von Peinlichkeit, Verlegenheit, Beschämung (wie Grass es tut). Aber fraglos handelte es sich um eine tiefe, intime Erfahrung, die diese Generation mit sich selbst und ihrer Zeit gemacht hat. Das machte sie zum dunklen Punkt in vielen Biografien, zum, mit Grass zu sprechen, „Makel“, der zu sehr Fluchtpunkt der eigenen Existenz war, als dass er eingestanden hätte werden können.

Die Antwort ist bekannt: Es war das Umdenken, die Umkehr als Lebensimpuls, fast möchte man christlich sagen: der Konversion, einer Buße.

Der Einfluss dieser Wendung auf den Gang der Bundesrepublik ist gar nicht zu überschätzen. Aber man kann kaum umhin, festzustellen, dass sie auch die Wetterecke bildete, aus der der Zug zur Unerbitterlichkeit in die deutschen Debatten kam. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurde zum Vehikel für beißende Kritik, heftige Polemik, flächendeckende Attacken. Und man muss Grass schon zugestehen, dass er dabei wie kaum ein anderer den Ton angegeben hat. Das gilt auch insofern, als sich da – je später, desto nachhaltiger – nie nur das ihm eigene polemische Temperament äußerte, seine Lust zu Polarisierung und Provokation, seine Wortgewalt als Rhetor. Immer transportierte er auch eine Weltsicht: die Vätergeneration ein Gegenstand wütender Abneigung, die Bundesrepublik nach wie vor im Banne ihrer Dritte-Reich-Vergangenheit, ihr Personal verächtlich.

Seine Rolle als praeceptor Germaniae und Moralapostel ist Grass’ Sache. Aber in einem Zeitphänomen wie ihm und dessen Wirkung findet sich doch auch etwas von dem Dilemma, in das die Bundesrepublik und ihr Verhältnis zu ihrer Vergangenheit geraten war, gerade beim Versuch ihrer Bewältigung; an ihm haben wir alle Anteil. Denn es lag im Zuge der letzten Jahrzehnte, dass sich das Dritte Reich als Negativ-Maßstab für die Bundesrepublik massiv etablierte, ja, monumentalisierte. Das hat – so pädagogisch gut es gemeint, ja, vielleicht unverzichtbar war – diese Vergangenheit gegen das historische Verstehen abgeriegelt. Es hat das Bild der deutschen Geschichte verkürzt und das Geschichtsbewusstsein blockiert.

Zugleich ist die Neigung zu moralischen Betrachtungsweisen ins Kraut geschossen, haben sich die Debatten an Schuldfragen festgebissen und ein Klima des Rigorismus geschaffen. Was alles zur Folge hatte, dass die Debatten- und Erinnerungskultur zunehmend erstarrte und sich dem Political-Correctness-Denken unterwarf. Kein Raum mehr für Geständnisse.

Man wird das bestätigt finden, wenn man die Ratschläge ins Auge fasst, Grass hätte doch früher sein Geheimnis lüften sollen, etwa bei dem Besuch von Kohl und Reagan auf dem Bitburger Soldatenfriedhof 1985. Erinnert man sich daran, in welcher inneren Verfassung sich die Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt befand – die parteipolitischen Fronten fest zementiert, die Linke noch voll auf Friedensbewegungskurs, überall frei vagierende Aggressivität –, so begreift man, dass Grass solche Offenheit kaum überstanden hätte. Zumal seine Anhängerschaft wäre ihm nicht gefolgt, und es macht die Sache nicht besser, sondern rührt an dem Kern des Problems, dass sie nicht auf ihn gehört hätte, weil er selbst ihnen mit seinen Tiraden die Ohren verstopft hatte. Grass hätte über seinen Schatten springen müssen, den Schatten seiner Leitwolf-Existenz – aber dieser Schatten war lang, ein halbes Jahrhundert, fast ein ganzes Leben.

Gut, manches hat sich geändert. Die alten Stellungen werden Zug um Zug geräumt. Die Historisierung des Dritten Reiches schreitet fort – vor 20 Jahren, als Martin Broszat sie forderte, war sie ein misstrauisch beäugter Fremdling in der Debatte. Man macht sich nicht mehr verdächtig, wenn man zu verstehen versucht, wie die Deutschen mit dem Dritten Reich lebten und weshalb viele ein gutes Gewissen bewahrten. Selbst ihre Leiden und Verluste im Zweiten Weltkrieg, Vertreibung und Bombenkrieg, erreichen nun das kollektive Gedächtnis – Grass hat mit seiner „Krebsgang“-Novelle daran kräftig mitgewirkt. Und vielleicht ist auch das Bekenntnis seiner Waffen-SS-Zugehörigkeit eine Folge dieser Entkrampfung unseres Blicks auf die eigene Geschichte.

Doch eine Antwort auf die Weshalb-erst-jetzt-Frage, die die Öffentlichkeit umtreibt, ist nicht in Sicht. Grass hat den Befund in dem Gespräch mit Ulrich Wickert nur bestätigt. Man muss hinnehmen, dass eine bedeutende Gestalt der Literatur- und Zeitgeschichte, überdies eine ausladende Kämpfernatur, vor dem dunklen Eckpunkt seines Lebens zurückschreckt. Allenfalls umspielt er ihn wortreich, künstelnd fragend, allen Festlegungen ausweichend.

Mit einer „ideologischen Gefangenschaft“ umschreibt Grass die Verfassung seines jugendlichen, verführbaren und endsieggläubigen Ichs. Aber frei ist er noch immer nicht. Selbst das alte polemische Sturmgepäck, diesen eifernden Adenauer-Kiesinger-KohlHass, schleppt er ja – mit Staunen hat man es wahrgenommen – noch mit.

Doch eine Frage an uns hält der Fall Grass auch bereit. Da ist nicht nur an die zu denken, die den Moralapostel mit ihrer Akklamation auf das Podest gehoben haben, das nun wankt. Auch Defizite unseres kollektiven Bewusstseins wären in den Blick zu rücken. Die politische Essayistin Antonia Grunenberg hat einmal beklagt, es gebe in Deutschland „bis heute keinen republikanischen Kontext, kein republikanisches Geschichtsbewusstsein, das im Prisma von geschichtlichen Brüchen, von Genozid, Schuld und Leiden den Biografien ihren Raum gäbe. Indem die Geschichte der Deutschen auf eine Vor- und Nachgeschichte von Auschwitz verkürzt worden ist, sind die einzelnen Biografien auf ihren Anteil am Verbrechen reduziert worden.“ Auch damit hat der Fall Grass zu tun.

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