Meinung : Die Helmut Kohls von der Presse

Zu Recht sind die ausgespähten Journalisten gegen die Veröffentlichung des BND-Berichts

Robert Birnbaum

Man hat von unsereins, den Journalisten, im Volk im Allgemeinen keine hohe Meinung. Und bitte, seien wir ehrlich: nicht selten zu Recht. Es ist denn auch für niemanden eine echte Überraschung, wenn wir im Zuge der BND-Affäre erfahren, dass nicht nur Journalisten Geheimdienste ausspähen (was sie dürfen) und Geheimdienste Journalisten als Späher nutzen (was sie auch dürfen), sondern auch Geheimdienste Journalisten ausspähen (was nicht ohne weiteres erlaubt ist) und dabei Journalisten Journalisten ausforschen (was eine Schweinerei ist).

Dies alles verblüfft kaum. Irritierend wirkt aber dies: Ausgerechnet Journalisten wollen jetzt verhindern, dass der Geheimbericht, in dem dies alles nachzulesen steht, komplett veröffentlicht wird. Wobei der Bericht nicht mal mehr wirklich geheim ist, weil jemand Journalisten längst insgeheim in ihn hat Einblick nehmen lassen.

Eine pikante Paradoxie. Die Enthüller anderer Leuts Geheimnisse dringen auf Diskretion in eigener Sache. Ausgerechnet die. Schönes Thema für den Stammtisch: Ob die wohl was zu verbergen haben? Oder, schlimmer, ob die nichts zu verbergen haben, weil in dem Bericht womöglich steht, dass sie bloß aus dem Internet abschreiben? Und was ist davon zu halten, wenn der Geheimenthüller Erich Schmidt-Eenboom erst gegen die Freigabe des Berichts ist und dann, nach Einsichtnahme, doch dafür?

Man erkennt leicht, in dem Fall steckt Stoff für Häme. Trotzdem haben jene Recht, die sich gegen die Veröffentlichung wehren. Und sie haben Recht unabhängig von ihren Motiven. Die mögen edel sein oder nicht; darauf kommt es nicht an. So wenig, wie es darauf ankam, warum Helmut Kohl nicht in der Zeitung lesen wollte, was in seiner Stasi-Akte steht.

Die zwei Fälle sind nicht voll vergleichbar, haben aber einen gemeinsamen Kern. Beide Male geht es darum, ob es jemand hinnehmen muss, dass seine ausgespähten Berufsgeheimnisse von Amts wegen veröffentlicht werden. Dass die Betroffenen in beiden Fällen zugleich Organe der Demokratie sind, macht die Sache nur schwerwiegender. Journalisten haben ja nicht zufällig das Recht, über ihre Informanten zu schweigen. Das Recht ist anfällig für Missbrauch. Aber es ist die Basis für jede journalistische Arbeit, die sich als Kontrolle der Mächtigen ernst nimmt. Es wird nicht außer Kraft gesetzt dadurch, dass Agenten rumgespitzelt haben. Und es darf ausgerechnet nicht von denen außer Kraft gesetzt werden, die kontrolliert werden sollen: Parlament, Regierung, Amtspersonen.

Das ist keine völlig befriedigende Lösung. Gut so. Der Rest von Unbehagen rührt nämlich auch daher, dass die Antwort auf die alte Frage „Wer kontrolliert die Kontrolleure?“ im Fall der Presse nur lautet: sie sich selbst. Eine Verantwortung, seien wir ehrlich, der wir nicht immer gerecht werden. Besonders nicht, wenn wir die saftige Enthüllungsstory wittern, das pikante Foto in die Finger kriegen. Vielleicht lehrt uns ja diese Affäre im Umgang auch mit anderer Leuts Geheimnissen ein wenig mehr abwägende Demut?

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