Meinung : Die historische halbe Stunde

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In vierzig Minuten kann man sich den Zahnstein entfernen oder die Haare nachschneiden lassen. Aber Weltpolitik machen? Eine halbe Stunde Zeit hatten die Herren Bush und Schröder für ihr historisches Treffen – genug für zwei Männerfreunde, sich auf die Schultern zu hauen und ein wenig über Frau und Kinder zu plaudern. Aber die beiden sind keine Freunde, es hapert mit den gegenseitigen Sprachfertigkeiten, und die Außenminister stehen ja auch herum und wünschen, räusper, räusper, ein wenig zum Erfolg beitragen zu dürfen. Das kostet Zeit, die Fotografen drängeln auch noch, das demonstrative Händeschütteln will und will nicht aufhören, und so lässt sich der praktische Gehalt des Treffens ziemlich genau auf folgenden Kern reduzieren: „Hello, Mister President, how do you do?“ „Fine, how ya doin’?“ Die Bosse setzen sich, lassen sich das bisher Gesagte vom Dolmetscher übersetzen und dann holen die Außenminister die vorbereiteten Kommuniqués heraus. Soll es „im Einvernehmen“ heißen, fragen sie, oder „im besten Einvernehmen“? Wollen wir „freundliche“ oder „freundschaftliche Atmosphäre“ schreiben? Alles abgehakt, Zeit um, der nächste Termin. „Sag mal, Colin“, fragt Bush hinterher seinen Außenminister, „warum war der Chirac heute so scheißfreundlich?“ Tja: So wird es wohl nie was mit der Weltpolitik.

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