Meinung : Die Höhen und Tiefen des Golan

Geheimgespräche zwischen Israel und Syrien überraschen wenig – wohl aber die Ergebnisse

Clemens Wergin

Schon die Kreuzritter wussten um die strategische Bedeutung der Golanhöhen, als sie die Festung Nimrod hoch über dem Hula-Tal ausbauten. Wer über die Höhen herrscht, hält das Einfallstor nach Galiläa. Und so ist es neben der Politik vor allem die Geografie – hier liegen auch die Hauptzuflüsse des Sees Genezareth – die eine Einigung mit Syrien so schwer macht.

Nun berichtet die israelische Zeitung „Haaretz“ über Geheimgespräche zwischen Syrien und Israel, bei denen beide Seiten einer Einigung sehr nahe gekommen seien. Damaskus dementiert heftig und auch Ehud Olmert will nichts gewusst haben von Verhandlungen, die unter seinem Vorgänger Ariel Scharon begonnen haben sollen.

Das von der „Haaretz“ abgedruckte „Nonpaper“ ist nicht das erste umstrittene Verhandlungspapier. 1995/96 standen Damaskus und Jerusalem schon kurz vor einem Friedensvertrag, aber entweder hatte dem Vater des heutigen syrischen Präsidenten der Mut gefehlt, oder er hatte die innenpolitische Lage in Israel falsch eingeschätzt und nicht damit gerechnet, dass Schimon Peres die Wahlen von 1996 gegen den Rechtsaußen Bibi Netanjahu verlieren könnte. Seitdem streiten sich beide Seiten, auf was man sich geeinigt hatte und an welchem Punkt – wenn überhaupt – die Gespräche wiederaufgenommen werden sollen.

Am interessantesten an dem Papier sind einige kreative Lösungen: Israel zieht sich vom ganzen Golan zurück, weite Teile sollen Naturpark werden, zu dem Israelis weiter ungehindert Zutritt haben sollen und auch die Wasserquellen sollen unter israelischer Kontrolle bleiben. Pikant ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung. So konnte man in den letzten Wochen in Jerusalem größere Bereitschaft für Verhandlungen ausmachen, während Washington offenbar weiter auf Isolierung des syrischen Regimes setzt. Auf die Frage: Wie weiter mit Syrien? liefert das Papier denn auch erstaunliche Antworten, weil es eine Art Paketlösung enthält, mit deren Hilfe Syrien vom Schurkenstaat zum kooperativen Partner mutieren soll. Glaubt man der „Haaretz“, so war Syrien bereit, die Unterstützung für Hamas einzustellen, seine Bindung an den Iran zu lockern, im Irak zur Versöhnung beizutragen und die Transformation der Hisbollah von einer Terrororganisation zu einer normalen libanesischen Partei zu befördern.

Das alles ist zu schön, um wahr zu sein. Sollte es aber wahr sein, muss Damaskus natürlich dennoch schärfstens dementieren, weil das Papier die Verbündeten und Handlanger Syriens – Iran, Hisbollah und Hamas – vor den Kopf stößt.

In Israel bricht nun die Debatte wieder auf, ob man zuerst den Konflikt mit Syrien oder den mit den Palästinensern lösen soll. Angesichts des Chaos bei den Palästinensern – an dem auch der Gipfel zwischen Rice, Olmert und Abbas wenig ändern wird – spricht einiges dafür, Syriens Verhandlungsangebot ernsthaft zu prüfen. Zwar ist es möglich, dass Baschar al Assad gar nicht willens oder fähig ist zu einem Friedensschluss und Verhandlungen nur führen will, um dem Druck der USA zu entgehen. Aber besser einmal zu viel verhandelt, als einmal zu wenig.

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