Die Honorare der Ärzte : Mit viel Kredit

Bei allem Verständnis für die Zukunftssorgen der Mediziner: Mit Patientenaussperrung und Vorkasseforderungen laufen sie Gefahr, zu überziehen und ihren immer noch hohen Kredit in der Bevölkerung zu verspielen.

Rainer Woratschka

Die Ärzte haben es gut. Es gibt keine Berufsgruppe, die bei den Bürgern so viel Kredit genießt. Ob Honorarforderungen im zweistelligen Bereich, Praxisschließungen oder Notversorgung in der Klinik aus Protest gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen – wir haben Verständnis, wir schlagen uns auf ihre Seite. Schließlich tun uns die Mediziner Gutes. Wir sind alle mal Patient, wir brauchen ihre Kunst. Was gäbe es Schlimmeres als frustrierte und überarbeitete Ärzte.

Das Dumme ist nur, dass die Lobbyisten beides ganz genau kennen: unsere Sympathien wie unsere Abhängigkeit. So pokern sie immer unverhohlener, setzen Krankenkassen, Politik und Gesellschaft unter Druck. Wahlkampf im Wartezimmer. In Bayern haben sie es bereits geschafft, eine verunsicherte Regierungspartei mit einem einst streitbaren Gesundheitsexperten an der Spitze zum Sachwalter ihrer Interessen zu machen.

Man muss sich das vor Augen halten. In einer Wirtschaftskrise ungeheuren Ausmaßes, in der so viele Bürger Arbeitsplatzverlust, gesellschaftlichen Absturz und Verarmung fürchten, verkündet ein Ärztepräsident, dass für niedergelassene Mediziner ein Honoraraufschlag von mehr als drei Milliarden Euro, also eine Steigerung um mindestens elf Prozent, nicht reicht. 1,5 Milliarden müssten, findet er, schon noch draufgepackt werden.

Nun ist es aber nicht etwa so, dass diese Gruppe jahrelange Enthaltsamkeit üben musste, für die nun ein Ausgleich fällig wäre. Hausärzten bleiben, nach Abzug aller Betriebskosten, zurzeit im Schnitt 84 000 Euro im Jahr. Radiologen bringen es auf 113 000 Euro. Dazu kommen Privateinnahmen von bis zu 30 Prozent. Damit liegen die Ärzte nicht nur weit über dem Durchschnittseinkommen in Deutschland. Sie verdienen auch besser als fast alle anderen Freiberufler. Das darf man gerechtfertigt finden, man sollte es aber nicht verschweigen. Man darf auch daran erinnern, dass es immer mehr Ärzte gibt. Und dass die Gefahr der Pleite für Arztpraxis-Betreiber weitaus geringer ist als für andere Unternehmer.

Das ändert nichts an regionalen Engpässen und Ungerechtigkeiten. Viele Mediziner wollen nicht mehr in den anstrengenden und wenig renommierten Beruf des Hausarztes – schon gar nicht in der Provinz, wo die Arbeitstage lang und Privatpatienten seltener sind als in den Städten. Dort wiederum gibt es sehr viele Ärzte, sie erzielen geringere Praxisumsätze. Neurologen verdienen weniger als Augenärzte, ambulante Chirurgen haben mehr private Zusatzeinnahmen als Allgemeinärzte. So ist das in freien Berufen.

Dass es einigermaßen gerecht zugeht in der Branche, ist Aufgabe der Selbstverwaltung, nicht der Politik. Im Moment ist genug Geld für die Ärzte im System. Bei allem Verständnis für die Zukunftssorgen der Mediziner: Mit Patientenaussperrung und Vorkasseforderungen laufen sie Gefahr, zu überziehen und ihren immer noch hohen Kredit in der Bevölkerung zu verspielen.

Das Schlimme sind nicht so sehr die Schwarzmalerei und manch falsche Behauptung. Es ist die Tatsache, dass es in der öffentlichen Debatte weit weniger um die Qualität der Versorgung der Patienten geht als um die Bezahlung der Versorger. Außerdem ist die Honorarverteilung wegen des Neids untereinander so kompliziert geworden, dass die Ärzte immer mehr ihrer Zeit damit verbringen. Es ist die Frage, wie lange wir uns das noch leisten können.

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