Meinung : Die IRA lenkt ein: Sieg der Politik über die Waffen

Martin Alioth

In den letzten dreißig Jahren hat sich die Irisch-Republikanische Armee nie um die breite öffentliche Meinung geschert. Warum sollte sie auch? Sie war und bleibt eine illegale, paramilitärische Organisation, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, denn nach eigener Ansicht ist sie von einer unantastbaren Mission legitimiert, die keines demokratischen Mandats bedarf.

Seit ihr politischer Flügel Sinn Féin indessen immer tiefer in die demokratische Politik Nordirlands eingestiegen ist, haben sich diese Prioritäten allmählich verschoben. Es scheint daher plausibel, dass das politischmilitärische Dioskurenpaar schon vor einigen Monaten die Grundsatzentscheidung fällte, die Waffen der IRA zum mindesten teilweise aus dem Verkehr zu ziehen. Aber Sinn Féin fuhr fort, weitere politische Konzessionen zu erpressen, während die Unionistenpartei von David Trimble weiter zerbröselte. Es bestand die dringende Gefahr, dass niemand mehr da sein würde, um das Zugeständnis entgegenzunehmen, wenn sich die IRA endlich zur Entwaffnung durchringen sollte.

Die Attentate vom 11. September und die peinliche Verhaftung von drei mutmaßlichen IRA Leuten in Kolumbien im August haben die Meinungsbildung bei der IRA glücklicherweise dramatisch beschleunigt. Im Brennpunkt von Sinn Féins Besorgnis standen die Amerikaner: Die pumpten Unsummen in die Bekämpfung kolumbianischer FARC-Guerilleros, nur um dann festzustellen, dass sie ihren Bombenbau bei der IRA lernten. Das führte zu eisigen Reaktionen in Washington.

Die Attacken auf das World Trade Centre und das Pentagon beendeten jegliche Geduld im Umgang mit bewaffneten, subversiven Gruppen. Es mag ja durchaus sein, dass die Nordiren auch aufs Bankkonto schielten. Sinn Féin ist inzwischen jedenfalls zur reichsten Partei auf der Insel Irland aufgerückt, weil amerikanische Geschäftsleute Unsummen für ein Diner mit Gerry Adams zahlen.

Aber weit wichtiger als Mammon war und ist die Respektabilität Sinn Féins, die Salonfähigkeit, oder - wie David Trimble einmal abschätzig bemerkte - die Stubenreinheit. Die Führung der Partei hatte in der Clinton-Ära echten Einfluss erworben, ein Telefonanruf nach Washington zur rechten Zeit löste schon mal ein paar Probleme. Das drohte zu zerfallen. Und auch in Dublin zeichneten sich besorgniserregende Verschiebungen ab. Irland wählt im nächsten Frühling, und Sinn Féin könnte durchaus Koalitionspartnerin werden, aber nur, wenn die Partei ohne Privatarmee kommt.

So kamen die Strategen überall zum selben Ergebnis: Wenn Sinn Féin weiterhin als politische Kraft florieren soll, dann müssen Waffen verschrottet werden. Erstmals ordnete die IRA ihre militärischen Prioritäten den politischen Bedürfnissen Sinn Féins unter - deshalb gilt die Entwaffnung zu Recht als historisch.

Überdies ist allen Beteiligten die Erleichterung anzumerken. Das nervtötende und öde Entwaffnungsproblem ist fürs Erste vom Tisch, jetzt darf wieder politisiert werden. Denn alle sind sich bewusst, dass Nobelpreisträger Séamus Heaney schon recht hatte, als er meinte, nur ganz gelegentlich reimten sich "hope" und "history".

Das Karfreitagsabkommen stellt eine unwiderbringliche Chance dar, den Neubeginn zu schaffen. Der Preis des Scheiterns liegt offen zutage: Die katholischen Schulmädchen in Nord-Belfast zahlen ihn jeden Tag, und im Nahen Osten kommt die Weigerung, auf die Bedürfnisse des Gegners einzugehen, alle Beteiligten teuer zu stehen. Wenigstens in Nordirland hat der 11. September Gutes bewirkt.

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