Meinung : Die Isolation des Perversen

Von Jost Müller-Neuhof

-

Hat er? Hat er nicht? Er hat nicht. Dennoch, das Interesse der Öffentlichkeit an Menschenfleisch ist nach dem jüngsten Mordfall in Berlin wieder so groß wie seinerzeit, als sich ein Mann von einem anderen töten und verzehren ließ. Der Schauder, den Kannibalismus auslöst, sollte jedoch nicht ablenken von der Beschäftigung mit einem Phänomen, das Kriminalfälle wie jenen in Rotenburg mit dem in Berlin über die Gemeinsamkeit hinaus verbindet, dass jemand einen anderen zerstückelt: dem Internet.

Das Internet eröffnet nicht nur der privaten Kommunikation, transnationalem Handel sowie Demokratie und Verwaltung neue Dimensionen, sondern auch dem Verbrechen. Betrug und Unterschlagung sind die eine Seite, die andere Pornographie, Vergewaltigung und Mord. Die Fachleute beschwichtigen: Nein, das Internet ist nicht kriminell, seine Nutzer sind es. Das stimmt, trotzdem ist nicht zu übersehen: Das Internet leistet der Kriminalität mehr Vorschub als es andere Medien je konnten.

Über das Internet kann man sich sensationell gut kennen lernen, wie nicht nur der Erfolg professioneller Partnervermittlungen zeigt. Es erlaubt ein Spiel mit Anonymität und Bekenntnis. Man lässt sich in seine Seele blicken, ohne seine Identität preiszugeben. So werden zwischen Menschen Kontakte möglich, die es sonst nie gegeben hätte, die undenkbar sind – etwa dass sich jemand freiwillig essen lässt. Diese Kontakte sind es auch, die Psychopathen einreden, nicht allein auf dieser Welt zu sein. Der so genannte Kannibale von Rotenburg gab sich in seinem Prozess fast freudig erstaunt, „dass wir so viele sind.“ Diese Feststellung verkleinert den Schritt vom Voyeur zum Akteur; die Isolation, die auch die Perversion bändigte, droht, sich aufzulösen. Es wird wissenschaftlich wohl nie zweifelsfrei zu klären sein, ob das Internet eine Ursache für Kriminalität ist. Tatsache ist: Immer mehr Straftaten, gerade auch sexuelle Gewalt, haben eine Vorgeschichte im Internet. Es wird Zeit, dass die Strafverfolger sie nicht nur den Kollegen überlassen, die sich zufällig für Computer interessieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar