Meinung : Die Jugend-Reihe: Vergesst die Pop-Politik

Jost Kaiser

In der beginnenden Spät-Ära Kohl, circa um 1994, gab es den letzten relevanten Versuch, eine Jugend-Variante der Politik-Rezeption zu etablieren: "Pop und Politik". Der "Spiegel" machte sogar ein gleichnamiges "Spezial". Die These: Form ist Inhalt. Und die alte Distinktion zwischen links und rechts, d.h. "gut" und "böse", Abfallprodukt der Ost-West-Konfrontation habe schon so lange ausgedient. Der Unterschied zwischen "Gut" und "Böse" hingegen nicht. Stattdessen sollte es jetzt unter anderem um Schuhe gehen: "Der richtige Schuh, sagt der Guerillero des guten Geschmacks, ist die Grenze zwischen gut und böse", heisst es da, oder: "Wenn Pop überhaupt eine Botschaft hat, dann diese: "Ich will Spaß und ich will ihn jetzt! Und wenn Pop politisch wird, dann liegt das daran, dass die Verhältnisse diesen Spaß nicht gestatten." Da konnten sich auch junge Menschen als "politisch" fühlen. Welcher der "richige" Schuh ist? Das weiß man erst ex post, wenn ihn die Mittelschichtskinder haben. Und wenn die ihn haben, ist es nicht mehr der richtige. So schwierig ist das.

Die jugendfrische "Pop und Politik"-These hat viel Unsinn hervorgebracht und heute erscheint es im Rückblick so, als sei es einfach darum gegangen, die Namen Michael Jackson, Roy Black, Ulrike Meinhof und Willy Brandt in einen Text zu zwingen. Anderes war einleuchtend, aber nicht neu: dass Hip-Hop etwas mit Politik zu tun hat. Dass sich Politik moderner PR-Methoden bedient, weil sie ebenso ein Produkt ist wie Pop, und dass Bill Clinton ein Saxofon hat und Popmusik hört. All das wusste man.

Pop war Rebellion ...



Wozu also das Ganze? "Pop und Politik" das war ein neuer Dreh des 68er-Slogans "Alles ist politisch", nur das man nicht mehr Marx gelesen haben musste. Wenn die richtige Turnschuhmarke jetzt politisch war, dann konnte jeder mitreden, denn jeder besitzt welche - hoffentlich die jeweils richtigen. "Pop und Politik" das war aber auch die durchaus charmante Rebellion gegen die deutsche Vorstellung der Politik als Geschäft der "Großen Männer" und "Pop und Politik" war auch eine Rebellion gegen den Bildungskanon der "Hochkultur", wozu in Deutschland auch die Politik gehört. Nur: ein nachhaltiges Interesse an Politik, die - man mag das bedauerlich finden - ja eben hauptsächlich Parteipolitik ist, hat das poppolitische Feuilleton-Geraune nicht gebracht.

Im Gegenteil: Seit einigen Jahren nun gibt es in der deutschen Literatur und im Journalismus die neuen jungen Dandys, die auf "Pop und Politik" aufbauen und demonstrativ jegliches Interesse am Politischen verweigern - es sei denn Politik tritt als Produkt oder mit Produkten auf: Schröders Anzug zählt hier mehr als Schröders Politik. Ihre Welt ist ausschließlich Warenwelt. Sie treffen sich - in teuren Anzügen und im Grand Hotel, um über Popmusik zu reden. Sie schreiben Bücher, in denen es nicht selten um ihre Lieblingsprodukte geht und was sie bedeuten. Sie betreiben das Intellektualisieren des Kaufens und predigen, so als wollten sie immer noch ihren 68er Lehrer schockieren. Der besitzt jedoch seinerseits selbst schon längst eine Bulthaup-Küche für 20 000 Mark und lässt sich längst nicht mehr schockieren.

Das alles, so liest man, sei doch in Wirklichkeit nichts anderes als ein letztlich "politischer" Aufschrei einer Generation, der die Begriffe geklaut sind, weil alles schon mal da war: Engagement und Verweigerung, Öko und Apo, ein bedeutungsloser Wortbrei.

jetzt ist es Verweigerung

Doch so clever intellektualisierend das alles ist: am Ende ist es doch nur spätes Zerfallsprodukt der Ära Kohl, ein später Widerhall der schlimmen und dummen achtziger Jahre. Vielleicht ist diese Weltverweigerungshaltung auch einfach nur die neueste Variante deutscher Innerlichkeit, die Politik immer schon für viel zu banal und zu diesseitig hielt. Da sind die Neo-Dandys mit dem ex-dissidierenden Ost-Fusselbartträger in einer geheimen Koalition. Lieber über 2 500 Mark teure Helmut-Lang-Anzüge reden. Das wirkt zwar irgendwie intellektuell, aber am Ende steht doch nur eine Botschaft: Ich kann sie mir leisten! Ist das politisch? Ach was. Vergesst "Pop und Politik".

Aber was ist Politik? Das vielleicht: "Übersteigt die Summe der negativen Einkünfte den nach Satz 3 ausgleichsfähigen Betrag, sind die Summen der negativen Einkünfte aus verschiedenen Einkunftsarten in dem Verhältnis zu berücksichtigen, in dem sie zur Summe der negativen Einkünfte stehen" (aus dem "Steuerentlastungsgesetz 1999/2000/2001"). Politik, ist das also doch nur eine Branche, die vor allem unjugendliche Sätze wie diesen hervorbringt, ganz ohne "Pop"? Die Antwort ist kurz und hart: Ja. Aber die Sprache der Politik hat Codes, genau wie die Sprache des Pop. Man muss sie nur knacken wollen. Und wer nur ein bisschen Energie aus dem Popbereich abzieht, könnte hinter der drögen Sprache der Steuerexperten Umverteilungsfragen entdecken, die letzlich zu einem unschlagbaren Thema führen: der Gerechtigkeit. Und wen das nicht interessiert, der kann ja weiterhin über "Pop" diskutieren. Nur dass er damit automatisch auch über Politik redet - diesen Gedanken sollte er sich abgewöhnen, sonst droht die Höchststrafe: Berufsjugendlichentum.

Pop und Politik hängen in der Tat zusammen. Die Steuerreform jedoch ist die Steuerreform ist die Steuerreform - egal welche Anzüge Schröder trägt. So einfach ist das. Es gibt jugendrelevante Fragen - dies schon. Aber es gibt keine Jugendvariante der Politik. Das gilt für den Techno tanzenden Lafontaine und das gilt für die zu Recht vergessene These: "Pop und Politik".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben