Meinung : Die Kanzlerin der SPD

Erst verdammt, dann umarmt: Die Genossen und ihr Verhältnis zu Angela Merkel

Tissy Bruns

Im Wahlkampf war Paul Kirchhof für die SPD der Inbegriff der sozialen Kälte – und Gerhard Schröder machte „den Professor aus Heidelberg“ mit großem Erfolg zu einer Hauptfigur seiner Dramaturgie. Kirchhof verschwand zu rasch, um für das Nachwahl-Feindbild zu taugen, das die vom Wahlergebnis überwältigte SPD sich zimmerte. Nun war es Merkel selbst, die im Gefühlshaushalt der SPD diese Rolle übernahm. Denn Licht fiel auf das SPD-Ergebnis vor allem durch den unerwarteten Misserfolg der Unionskanzlerkandidatin – und je kleiner man ihre Legitimation zur Kanzlerschaft reden konnte, desto größer schien die von Gerhard Schröder. Nun wird die SPD-Bundestagsfraktion sie wählen müssen, dieselbe Angela Merkel, die eben noch als personifizierter kalter Neoliberalismus durch diverse Kampfansagen aus der SPD geisterte. Und schlimmer noch: als eine, „die es nicht kann“.

Aus dem Rausch des Wahlsonntags wachten die in der SPD zuerst auf, die aus dem Beinah-gleichauf-Ergebnis das Beste für die SPD, also eine Koalition, machen müssen. Aus Sicht der Ortsvereine oder Abgeordneten ist dabei gleichgültig, ob zuerst Gerhard Schröder merkte, dass er zum verhandlungspolitischen Faustpfand seiner Leute zu werden drohte, oder Franz Müntefering feststellte, dass kein Bündnis geschmiedet werden kann, wenn man der wahrscheinlichen Partnerin jede Fähigkeit abspricht. Am Ende der Verhandlungen werden es die Delegierten eines SPD-Parteitags und die Abgeordneten sein, die über die Hürde springen müssen, der Regierungsbeteiligung mit einer Partei und einer Kanzlerin zuzustimmen, die eben noch als Feindin galt.

Vorerst wird dabei Angela Merkel als schlimmste Kröte gelten, die geschluckt werden muss. Aber nur vorerst. Die Verteilung der Regierungsämter zeigt schon jetzt, dass die SPD den Schröder-Faktor ausreizen konnte. Die deutschen Sozialdemokraten gehen damit aus dem von ihnen eingeleiteten Reformprozess besser heraus als manche ihrer europäischen Bruder- oder Schwesterparteien, die diesen Versuch mit schweren Niederlagen bezahlt haben. Die SPD regiert nicht nur weiter, sie trägt entscheidende Verantwortung gerade in Ministerien, die für den Reformprozess wichtig bleiben.

An nichts und niemandem lässt sich aber so deutlich ablesen wie an der künftigen Kanzlerin aus der Union, wie dieser Wahlkampf die Landschaft geändert hat. Die SPD wird, vermutlich mit ziemlichem Getöse, einer Kanzlerin die Zustimmung geben, weil in deren Regierungsprogramm mehr Schröder als Merkel steckt.

Es wird dabei um Reformen gehen, zu denen sich die SPD spät, erst in diesem Wahlkampf, von ihrem kämpferischen Bundeskanzler überzeugen ließ. Weil aber die C-Parteien von ihren Wählern die deutliche Botschaft erhalten haben, dass sie Merkels Reformradikalismus nicht teilen, werden es Reformen mit einem Augenmaß sein, das die SPD in diesem Wahlkampf definiert hat. Niemand gibt das schon vor Beginn der förmlichen Koalitionsverhandlungen deutlicher zu erkennen als die bayerische C-Partei: Fast beiläufig hat CSU-Chef Edmund Stoiber Merkels Gesundheitspauschale abgeräumt. Die SPD mit ihrem Sinn für Programme, Projekte und Paradoxien wird die große Koalition tragen – und sich dabei sagen, dass deren Kanzlerin nicht mehr dieselbe ist wie die Kandidatin der Union.

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