Die Kirche und der Missbrauch : Prävention ist nicht genug

Verstöße gegen die verordnete Sexualmoral sind programmiert. Der Papst und die meisten Bischöfe sind nach wie vor nicht bereit, über grundsätzliche Reformen auch nur zu diskutieren.

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Wie geht die katholische Kirche mit dem Thema Missbrauch um? Foto: dpa
Wie geht die katholische Kirche mit dem Thema Missbrauch um?Foto: dpa

Es gibt ein Zauberwort, das die fehlerhafte Welt besser aussehen lässt: Prävention. Wir beugen vor, und alles bleibt gut. Seit dem vergangenen Jahr ist das Wort auch in der katholischen Kirche beliebt. Mancher Bischof hat das hässliche Thema „Missbrauch“ auf der Internetseite seines Bistums unter der Rubrik „Prävention“ versteckt.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Natürlich muss alles getan werden, um zu verhindern, dass sich Priester an Kindern und Jugendlichen vergreifen können, dass gelogen und vertuscht wird. Es ist richtig, dass die Bischöfe einen ehrgeizigen Präventionsplan beschlossen haben. Dass in der Ausbildung offener über Sexualität gesprochen werden soll. Und dass die Pfarrer sensibler aufeinander achten. Aber was hilft die Aufmerksamkeitsoffensive, wenn über die Probleme des Einzelnen dann doch nicht gesprochen werden kann – weil der Fehler im System liegt?

Verstöße gegen die verordnete Sexualmoral sind programmiert. Die Kirche könnte ihre Grundsätze vermenschlichen und dadurch die Fehleranfälligkeit des Systems vermindern. Es sieht aber nicht danach aus. Der Papst und die meisten Bischöfe sind nach wie vor nicht bereit, über grundsätzliche Reformen auch nur zu diskutieren. Trotz der ehrlichen Erschütterung über die Fälle von sexuellem Missbrauch, trotz aller Appelle und Ankündigungen nicht.

Wenn die Kirche an ihrer starren Moral festhält, dann sollte sie diese Maßstäbe wenigstens ernst nehmen. So ernst, dass man auch die Priester ernst nimmt, die damit nicht klarkommen. Es kann nicht sein, dass ein Geistlicher, der seinem Vorgesetzten offenbart, dass er eine Freundin hat und mit seiner Sexualität hadert, zu hören bekommt: das sei doch nicht schlimm; Hauptsache die Ausübung seines Amtes leide nicht darunter. Genauso wenig darf es sein, dass ein Priester erst gar nicht wagt, über seine Probleme zu sprechen – aus Angst, gebrandmarkt zu werden. So aber scheint es vielen zu gehen. Sie fühlen sich alleingelassen, weil sie ihre Schwierigkeiten mit niemandem besprechen können. Sie versuchen, ihre Fehler und Verstöße zu verbergen, flüchten sich in Lügen, wodurch die Probleme nicht kleiner, sondern größer werden. So entsteht ein Klima der Doppelmoral und des Wegschauens – mit furchtbaren Folgen.

Auch künftig werden Priester Fehler machen, gegen den Zölibat verstoßen und ja, es wird auch in Zukunft in der Kirche Männer geben, die sich sexuell zu Kindern und Jugendlichen hingezogen fühlen. Das werden die strengsten Regeln und die aufmerksamsten Chefs nicht verhindern. Sie können aber dazu beitragen, dass aus Fehlern und merkwürdigen Neigungen nicht monströse Verbrechen werden. Sie können eine Atmosphäre ermöglichen, in der sich jeder Geistliche mit seinen Schwächen offen und ehrlich an Mitbrüder und Bischöfe wenden kann; in der man schwierigen Gesprächen und harten Konsequenzen nicht ausweicht, weil es bequemer ist oder das System halt so ist.

Lüge, Heimlichtuerei und Doppelmoral zementieren Macht. Das heimliche Wissen über die Vergehen der anderen kann als Druckmittel genutzt werden. Offenheit und Klarheit erschüttern die Mächtigen. Ein Mentalitätswechsel, selbst wenn viele ihn wollen, wird deshalb nicht von heute auf morgen zu schaffen sein. Aber ohne tiefgreifende Veränderung in den Köpfen werden alle gut gemeinten Präventionspläne ins Leere laufen. Prävention kann eben alles und nichts bedeuten; sie kann zum Instrument der Vertuscher werden oder zum Werkzeug der Aufklärer. Das gilt nicht nur für die Kirche.

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