Meinung : Die Klimakatastrophe im Zeitraffer

Emmerichs Film ist Unsinn – aber wichtig

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Alexander S. Kekulé Das Wetter spielte mit, als hätte Jörg Kachelmann persönlich das Drehbuch geschrieben: Zur Berliner Premiere des Eiszeitschockers „The Day After Tomorrow“ fiel das Thermometer mitten im Mai auf winterliche Temperaturen, in Teilen Deutschlands gab es sogar Bodenfrost. Drinnen im Kino wurde es dann noch ungemütlicher: Indien versinkt im Schneegestöber, Tokio wird von melonengroßen Hagelkörnern bombardiert. Am schlimmsten trifft es mal wieder New York: Zuerst tobt eine gigantische Flutwelle die Fifth Avenue hinauf, dann wird die Metropole mit Mann und Maus schockgefrostet – innerhalb weniger Tage ist über die Nordhalbkugel eine neue Eiszeit hereingebrochen.

Jetzt diskutieren die Gelehrten rund um den Globus, ob die Handlung des KryoSchockers nun „Science“ oder „Fiction“ oder vielleicht beides ist. Denn der Auslöser der Katastrophe stammt nicht aus Hollywoods Drehbuchwerkstätten, sondern aus den Szenarien seriöser Klimaforscher: Die globale Erwärmung durch Treibhausgase könnte tatsächlich zu einem plötzlichen Abreißen der „thermohalinen Zirkulation“ führen. Dieser gigantische Wärmeaustauscher, zu dem auch der Golfstrom gehört, führt warmes Oberflächenwasser aus den Tropen in den Nordatlantik. Dort kühlen sich die Wassermassen ab, werden dadurch schwerer und sinken auf den Meeresgrund, wo sie als kalte Tiefenströmung zurück nach Süden fließen. Die Fernheizung mit der Leistung einiger hunderttausend Kernkraftwerke ist der Grund dafür, dass in Norwegen Rosen blühen, während sich in Alaska auf demselben Breitengrad die Eisbären tummeln.

Die Klimamaschine hat jedoch eine Achillesferse: Wenn sich im Nordatlantik große Mengen Süßwasser aus schmelzendem Polareis mit dem Salzwasser vermischen, reicht der Salzgehalt irgendwann nicht mehr aus, um den abgekühlten Strom in die Tiefe zu ziehen – die thermohaline Zirkulation wäre durchbrochen. Die scheinbar paradoxe Folge, dass die globale Erwärmung zu sibirischen Wintern im Nordatlantik führen kann, ist der wahre Kern von „The Day After Tomorrow“.

Der Rest des Umweltspektakels ist jedoch Fiktion und Übertreibung. Selbst die maximal anzunehmende Abkühlung von 10 Grad über mehrere Jahrzehnte könnte Hochhäuser und Menschen nicht in Sekunden mit Blitzeis überziehen. Auch würde die globale Erwärmung den Ausfall der Atlantikheizung teilweise kompensieren. Riesige Springfluten schließlich werden gar nicht durch Klimaschwankungen, sondern durch Erdbeben ausgelöst.

Trotzdem erzählt Emmerich eine wahre Geschichte weiter, die tatsächlich längst begonnen hat: Vom Menschen produzierte Abgase erwärmen die Atmosphäre, Pole und Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Durch den Klimawandel nehmen Wirbelstürme, Überschwemmungen, Unwetter- und Dürrekatastrophen zu. Einer Studie zufolge ist durch den Klimawandel bis zu einem Viertel der landlebenden Tiere und Pflanzen vom Aussterben bedroht, bis 2050 könnte über eine Million Arten verschwunden sein. Seit dem Ausstieg der USA aus dem Kyoto-Protokoll bestehen jedoch kaum noch Chancen, die Treibhausgase in absehbarer Zeit unter Kontrolle zu bekommen. Die Wirklichkeit ist ein hoch dramatischer Katastrophenfilm – nur eben leider in Zeitlupe.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: G.Peyer

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