Meinung : Die Klügere gibt nach

Zentrum gegen Vertreibungen: Warum Erika Steinbach auf die Präsidenten hören soll

Christoph von Marschall

Von Christoph von Marschall

Herrjeh, klang das präsidial: der Opfer gedenken, Europa nicht spalten, Dialog über gemeinsames Erinnern. Eine klare Antwort auf die Frage, über die sich Deutsche und Polen seit Monaten zerstreiten – darf der Bund der Vertriebenen (BdV) ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin bauen? – vermieden die Präsidenten Aleksander Kwasniewski und Johannes Rau bei ihrem Treffen in Danzig. Das war klug. Ihre Selbstbeschränkung öffnet mehrere denkbare Auswege aus einer verschreckenden Debatte.

Warum löst dieses Thema fast 60 Jahre nach dem Krieg noch solche kollektiven Emotionen aus? Für Jüngere ist das kaum zu verstehen. Die Vertreibung könnte doch verbinden. Beide Völker haben riesige Ostgebiete verloren, Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen und Hunderte Kilometer weiter westlich neu integriert werden. Unzählige Deutsche und Polen hat diese Leidenserfahrung tatsächlich zusammengeführt.

Kwasniewski und Rau betonen: Jede Nation hat das Recht, um ihre Opfer zu trauern. Dies darf aber nicht dazu missbraucht werden, Europa erneut zu spalten. Im Klartext: Die Deutschen sind nicht nur das Volk der Täter, es ist ein berechtigtes Anliegen, der deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung zu gedenken. Das richtete sich an die vielen Polen, die es am liebsten sähen, wenn kein Zentrum daran erinnert. Aber auch an jene Deutschen, die jedes Erinnern an die Vertreibung als ewiggestrig abtun.

Der zweite Teil der Botschaft ist ein Appell, das Zentrumsprojekt der BdV-Präsidentin Erika Steinbach in Berlin nicht zu bauen. Denn es versöhnt nicht, es trennt. Dazu haben viele beigetragen, die Schuld liegt auch, aber nicht allein bei ihr. Es ist enttäuschend, wie wenige Medien und Menschen in Polen zur Kenntnis nehmen wollen, was Frau Steinbach wirklich plant: Wie weit sie osteuropäische Nachbarn sowie BdV-ferne deutsche Intellektuelle eingebunden hat und dass auch sie aller Vertreibungen im Europa des 20. Jahrhunderts gedenken will, von Armenien bis Kosovo. Doch darf man deshalb sagen: Diese Blindheit ist Polens Problem, darauf brauchen wir keine Rücksicht zu nehmen; lasst uns ein Projekt bauen, das eine gewisse Berechtigung hat? Der außenpolitische Schaden wäre enorm, selbst wenn öffentliche Mittel für dieses Zentrum verweigert würden. Allerdings kann eine Demokratie eine solche private Initiative auch nicht unterbinden.

Rau und Kwasniewski rufen ganz Europa auf, alle Fälle von Flucht und Vertreibung gemeinsam neu zu bewerten und ein europäisches Projekt daraus zu entwickeln. Darin liegen zwei Gefahren. Erstens Überforderung: Die erzwungenen Migrationen eines ganzen Jahrhunderts mit zig Millionen Schicksalen in ihren Ursachen- und Wirkungszusammenhängen darzustellen, das verlangt sehr viel Raum und Zeit. Zweitens die Gefahr, ein alle irgendwie versöhnendes Geschichtsbild zusammenzukleistern. Die nationalen Sichtweisen sind zu Recht nicht deckungsgleich, es geht darum, unterschiedliche Perspektiven zu respektieren, nicht sie zu nivellieren. Und mit dem Bau warten, bis sich mehrere Völker und Regierungen auf ein einigermaßen kompatibles Bild geeinigt haben – das kann ewig dauern. Aber es wäre ja schon ein großer Schritt, all die Museen, Gedenkstätten und Forschungsstellen zu den Vertreibungen in Europa miteinander zu vernetzen.

Was tun? Niemand kann Erika Steinbach hindern, ihr Zentrum zu bauen, aber es wird niemals das maßgebliche werden, nicht für die Deutschen, schon gar nicht für die Nachbarn. Wir brauchen einen neutralen Träger (die Regierung, das Parlament), um dem berechtigten Trauern um die Opfer einen Ort zu geben, ohne außenpolitischen Schaden anzurichten. Ein solches europäisches Zentrum gegen Vertreibungen in Deutschland wäre offen für die Mitwirkung der Nachbarn wie des BdV, der freilich sein Organisations- und Interpretationsmonopol aufgeben müsste. Auch andere Länder können solche Zentren errichten, die dann miteinander kooperieren. Ob irgendwann auch noch eine gemeinsame europäische Gedenkstätte entsteht – das richtet die Zeit, die Wunden heilt.

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