Meinung : Die Kluft ändert nicht das Klima

Schulkleidung allein ist eine leere Geste

Robert Leicht

Als wir vor ein paar Jahren durch ein englisches Städtchen schlenderten, kam uns eine Klasse von Vorschulkindern entgegen – Hand in Hand zu zweien, in einer Schuluniform. Die Zwergerl kamen uns nicht im Geringsten verklemmt vor, sondern mit der Selbstverständlichkeit ausgerüstet, aufgrund derer sich halt eine Gruppe mit einem Minimum von Disziplin und Selbstbewusstsein in einer nicht ganz gefahrlosen Umwelt bewegt. Warum, so fragten wir uns, stünde solches bei uns sofort unter dem Verdacht vor-militärischer Zucht und Gängelung? Inzwischen wird bei uns eifrig über Schuluniformen diskutiert. Aber auch aus den richtigen Motiven und mit berechtigten Erwartungen? Das gilt kaum für den Vorstoß von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die wohl gedachte, der verfassungsrechtlich heiklen Frage von religiös motivierter Kleidung schlau auszuweichen, indem man schnell eine einheitliche Schulkleidung verordnet. Zu schlau, um wahr zu sein! Und sonst?

Ausnahmsweise kann ich mich einmal wirklich kompetent zu einem Problem äußern, weil ich außer über eine Meinung auch noch über eine solide Erfahrung verfüge. Ich zähle nämlich zu den wenigen, die hierzulande neun Gymnasialjahre lang eine Schuluniform getragen haben, und das – da auf einem Internat – vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Und was folgt daraus? Eine doppelte Einsicht!

Zum Ersten: In der Tat hilft eine Schuluniform die sozialen Unterschiede und das Wohlstandsgefälle zwischen den Elternhäusern zu kaschieren. Obwohl es das Phänomen des „Markenterrorismus“ damals, zwischen den frühen 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, längst nicht so ausgeprägt gab wie heute, wäre das Gefühl, modisch und statusmäßig nicht „mithalten“ zu können, auch seinerzeit irritierend bis kränkend für die bescheidener Ausgestatteten gewesen. Und das Anti-Renommistische, das bei uns mit der Schulkleidung normativ gesetzt worden war, konnte schon einmal dazu führen, dass ein Mitschüler seine Eltern dringend bat, doch nicht zum Elternwochenende mit dem teuren Ami-Schlitten auf dem Schulhof vorzufahren. Andererseits gab es auch Möglichkeiten, mit teuren Uhren oder Kettchen zu zeigen, aus welchem Elternhaus man kam. Aber dies alles stand doch unter dem institutionalisierten Gebot der Diskretion.

Zum Zweiten: So wohltuend diese „verkleidende“ Diskretion auch funktionieren mochte und heute den drastisch verschärften Modedruck als Ausdruck sozialer Unterschiede entkrampfen würde– es wäre eine Illusion, anzunehmen, eine gemeinsame Schulkleidung führe für sich genommen zu mehr Gemeinschaftssinn. Nein, an unseren Schulen muss sich das Klima ändern, nicht bloß die Kluft. Über den Geist einer Schule entscheiden die dort vom Lehrkörper und den Eltern als normativ gesetzten – und vorgelebten! – Tugenden, nicht die vorgeschriebenen Textilien. Gemeinschaft entsteht durch gemeinsames Tun, das miteinander – von Lehrern und Schülern – verantwortet wird. Und erst wenn bewusst für diesen Geist gesorgt wurde, kann eine gemeinsame Schulkleidung wirklich glaubwürdig wirken – und nicht bloß als eine der vielen kurzlebigen Moden und leeren Gesten. Und dann darf es ruhig auch eine „echte“ Schuluniform sein, nicht bloß ein verdruckst einfarbiges T-Shirt.

P.S.: Wenige Jahre nachdem ich meine Schule verlassen hatte, verfiel unser Schulanzug, der modisch schon ziemlich komisch aussah, der Verachtung – mit ihm aber auch der Korpsgeist der Schule. Inzwischen ist dort nach Jahren der schuldemokratischen Verhandlung wieder eine Schulkleidung eingeführt worden. Ein gutes Zeichen für meine Schule? Vielleicht, wenn man es richtig anstellt, für unser ganzes Schulwesen!

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