Meinung : Die Kräfte schwinden

Ob Hartz-Proteste oder VW-Tarife: Die Gewerkschaften wollen keinen heißen Herbst

Alfons Frese

Heißer Herbst gefällig? Nein, dieses verstaubte Bild stellen unsere Gewerkschaften in diesem Jahr nicht in die Drohkulisse. Vielmehr agieren Jürgen Peters, Frank Bsirske und Hubertus Schmoldt mit ruhigem Verstand. Es gibt zwar Sympathie für die Montagsdemonstranten, und am 2. Oktober werden die Gewerkschaften mitmachen bei der Großkundgebung gegen Hartz. Doch alles in allem ist Abrüstung angesagt gegenüber der Sozialdemokratie.

Gerade eben hat Verdi-Chef Bsirske auf die positiven Seiten der Arbeitsmarktreformen hingewiesen. Vor wenigen Monaten noch erklärte er Gerhard Schröder als gescheitert, weil der Bundeskanzler sein eigenes Beschäftigungsziel um einige hunderttausend Arbeitslose verfehlt hatte; Schröder tobte damals und brüllte diverse Gewerkschafterkollegen an, weil die ihm in den Rücken fielen.

Das war vor den Ferien. Vergangene Woche trafen sich die Gewerkschaftsbosse wieder mit Schröder und SPD-Chef Franz Müntefering. Es ging freundlich zu, man verständigte sich darauf, unterschiedliche Positionen zu Hartz IV zu haben und im nächsten Frühjahr, wenn die ersten Erfahrungen mit der Arbeitsmarktreform gemacht sind, wieder zusammenzutreffen. Als wenn schon Weihnachtspause wäre.

Tatsächlich haben die Gewerkschaften den Widerstand gegen Hartz IV wegen Aussichtslosigkeit aufgegeben. Weil die eigenen Leute oft mehr Verständnis für die Änderungen in der Sozialpolitik zeigen als die Spitzenfunktionäre. Und weil Schröder standhaft bleibt. Bis er denn fällt. Aber das wollen die Gewerkschafter – bis auf Bsirske, der zu den Grünen gehört, allesamt SPDler – nun auch wieder nicht.

Vor anderthalb Jahren, nach den Wahlniederlagen in Hessen und Niedersachsen, argumentierten die Hartz-Gegner noch mit der SPD-Schlappe im Rücken: Wer vom Wähler so bestraft werde, der müsse seine (Sozial-) Politik ändern. Heute, viele Niederlagen später, ist dieses Ansatz verbraucht. Weil Schröder auf Kurs bleibt, Glaubwürdigkeit gewonnen hat und die SPD aus dem Tal zu klettern beginnt. Und weil die Gewerkschafter wissen, was sie an Schröder/Müntefering/Clement im Vergleich zu Merkel/Merz/Westerwelle haben. Zur Landtagswahl in NRW sind im Frühling die Reihen wieder fest geschlossen. Davon profitieren SPD und Gewerkschaften gleichermaßen – und beide haben es nötig.

Mit schwindender Kraft versuchen die Gewerkschaften, die Einkommen und die Rechte ihrer Mitglieder zu verteidigen. So gewaltig wie in diesem Jahr rollte die Kostensenkungswelle noch nie über die Arbeitnehmer. In den Siemens-Werken in Bocholt und Kamp-Lintfort wurden ein paar tausend Beschäftigte vor die Wahl gestellt: Entweder ihr verzichtet auf 30 Prozent Lohn, oder wir gehen nach Ungarn. Die Belegschaft verzichtete. Es folgten Daimler-Chrysler und Dutzende weiterer Unternehmen. In den nächsten Wochen wird bei VW um eine Reduzierung der Arbeitskosten gefeilscht. Druckmaschinenhersteller und große Teile der Konsumgüterindustrie wollen ihre Arbeitskräfte länger arbeiten lassen ohne mehr zu bezahlen. Wie weit kann, wie weit muss die IG Metall gehen?

Im öffentlichen Dienst steht vor der nächsten Tarifrunde noch eine Reform des Dienstrechts an. Eine Riesenbaustelle für Verdi. Und das Schlimmste: Den Gewerkschaften gehen nach wie vor die Mitglieder in Scharen von der Fahne. Vermutlich wird dieser Herbst für Peters und Bsirske heißer als für Schröder. Weil sie kein Rezept gegen die eigene Schwäche haben.

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