Meinung : Die Lage der Wirtschaft: Im Durchschnitt von Feuer und Eis

Nun orakeln die Konjunkturpropheten wieder, ob es 2,5 oder nur 2 Prozent Wachstum in diesem Jahr in Deutschland werden. Im Bundestag streitet man darüber, ob die Lage der Wirtschaft erfreulich oder betrüblich ist. Der Kanzler sieht die Zahl der Arbeitslosen bis zur Wahl bei 3 oder 3,5 Millionen. Der Dax könnte zum Jahresende 8000 erreichen, der Nemax 5000? Alles ist möglich. Auf neue Zahlen darf täglich neu gesetzt werden. Wenn die Sonne untergegangen, zwölf Monde vorbeigezogen sind, dann ist das meiste davon vergessen.

Aber viel schlimmer ist: Wir handeln in den Diskussionen mit unechten Durchschnittswerten. Hinter der Arbeitslosenquote von 10,1 Prozent für ganz Deutschland stehen Länder wie Baden-Württemberg mit 5,2 Prozent und einem akuten Mangel an Facharbeitern aller Art. Und da ist Sachsen-Anhalt mit 21,5 Prozent Arbeitslosen. Aber auch im Osten, in Jena oder Dresden, fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Arbeitsmarktdaten verschleiern. Seit die geringfügig Beschäftigten mitgezählt werden, sieht die Statistik plötzlich besser aus.

Deswegen geraten die Diskussionen darüber, mit welcher Politik man den Problemen am besten beikommen kann, so gespenstisch und ergebnisarm. Lothar Späth liebt das Bild von einem, der mit einem Fuß auf einer glühenden Herdplatte und mit dem anderen auf einem Eisblock steht. Im Durchschnitt stimmt die Temperatur. Also kann man ihn getrost stehen lassen.

Ähnlich ist es mit den Börsen. Der Dax ist seit seinem Höchststand vor genau einem Jahr um 22 Prozent abgestürzt. Aber Schering hat um 31, Aventis sogar um 77 Prozent zugelegt, die Telekom 77 Prozent ihres Wertes verloren. Taugen Aktien nun zur Vermögensbildung für das Alter oder nicht?

Die Inflationsrate in Euroland ist im Februar mit 2,3 Prozent beruhigend niedrig gewesen. Aber im boomenden Irland stieg sie auf bedrohliche 5,3 Prozent. Die Damen und Herren um Wim Duisenberg können nur mit einer Elle messen, dem Durchschnitt aus allen Euroländern. Und dieser Wert resultiert aus einer Definition von Preissteigerungen, die heftig umstritten ist.

Nun mag man sagen, was für unsinnige Klagen. Wie soll man Politik machen, wenn nicht mit möglichst handlichen Daten über die Wirtschaft. Das klingt gut, aber "Die Wirtschaft" gibt es nicht. Heute weniger als früher. Deshalb kann die Wirtschaft sich nicht verpflichten, eine bestimmte Zahl an Überstunden abzubauen oder eine generelle Erhöhung der Löhne und Gehälter zu verkraften.

Die Wirtschaft besteht aus unzähligen völlig verschiedenen Unternehmen und Betrieben - alleine fast 3 Millionen in Deutschland. Kleine Internetshops und Flickschuster, mittelgroße Maschinenbauer und globale Reiseunternehmen. Einige wenige werden an den Börsen notiert und gehandelt. Über sie lesen wir täglich. An ihren Kursen messen wir, wie gut oder schlecht es der Wirtschaft geht. Aber 99 Prozent aller deutschen Unternehmen sind nicht "publik".

Was lehrt uns das? Zweierlei. Wir sollten Abschied nehmen von einem unrealistischen Durchschnittsbild mit der Bezeichung "Die Wirtschaft". Die Realität ist zu bunt. Deshalb taugen harmonisierte Therapien so wenig. Aber wenn die Politik - egal ob Wirtschaftsförderung oder Arbeitsmarktpolitik - so aufgefächert wird, wie es die bunte Wirklichkeit erfordern würde, dann ist sie schwerlich entscheidbar, kontrollierbar und vor allem nicht kommunizierbar.

Deshalb heißt die zweite Lehre: Weniger regeln und das gerne verschieden von Land zu Land. Die Schweiz ist weiß Gott kein EU-Fan. Im Gegenteil. Eben hat das Volk gegen schnelle Betrittsverhandlungen votiert. Aber der schweizerischen Wirtschaft geht es gut, es herrscht Vollbeschäftigung. Warum? Das Regelwerk für die Unternehmen ist sparsam und manches von Kanton zu Kanton verschieden, so wie ihre Steuersätze. Vielleicht wollte das Muster für einen erfolgreichen, differenzierten Umgang mit "der Wirtschaft" nicht der EU beitreten, damit es als Vorbild für Europa nicht verloren geht. Übrigens: Im Durchschnitt wird die deutsche Wirtschaft 2001 um zwei Prozent wachsen und die Arbeitslosenzahl Ende Dezember bei insgesamt 3,9 Millionen liegen. Wetten dass?

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