Meinung : Die letzten Tage von Europa

Es geht nicht mehr um den Aufstieg zur führenden Weltmacht – für den Kontinent geht es ums Überleben

Walter Laqueur

Ich habe Europa und die Europäer in guten wie in schlechten Zeiten erlebt. Darum ist vielleicht jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Bilanz. Denn mein Europa, das Europa, das ich kenne, ist im Verschwinden begriffen: „Die letzten Tage des alten Europa“ stehen bevor. Natürlich ist „die letzten Tage“ nur eine Metapher, denn soweit ich weiß, steht kein gewaltiger Vulkanausbruch unmittelbar bevor, der über Nacht – wie damals Pompeji und Herculaneum – den ganzen Kontinent in Schutt und Asche legen würde. Es besteht zwar die Gefahr, dass der Meeresspiegel steigt und die Küstenregionen mitsamt ihren Städten überflutet werden, doch ist auch das keine spezifisch europäische Bedrohung. Allerdings muss und wird sich das Europa, das wir kennen, verändern – wahrscheinlich bis zur Unkenntlichkeit –, und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen, die teils demografischer und kultureller, teils politischer und sozialer Art sind. Selbst wenn es zur Vereinigung Europas kommen sollte und wenn dieses Europa die diversen inländischen Krisen meistern sollte, vor denen es steht – seine Vormachtstellung in der Welt (Europa als „Nabel der Welt“) ist dahin; seine beherrschende Rolle in der Weltpolitik gehört der Vergangenheit an. Prognosen, denen zufolge Europa als moralische Supermacht vor einem neuen Aufschwung stehe, werden nichts als schöne Fantasien bleiben.

„Das alte Europa“ – diesen Begriff hat durchaus nicht Mr. Rumsfeld geprägt. Er tauchte erstmals zur Zeit des Wiener Kongresses und des Kommunistischen Manifests auf, doch ich beziehe mich weder auf diesen historischen Begriffsgebrauch noch auf das bekannte gleichnamige Restaurant in der Wisconsin Avenue in Washington, D.C. (wo es guten Sauerbraten und alle möglichen Wurstspezialitäten gibt).

Das „alte“ Europa bezeichnet in unserem Zusammenhang das Europa der Europäischen Union, schließt aber auch Russland und andere Teile der ehemaligen Sowjetunion diesseits des Urals ein. Welcher Art wird das „neue“ Europa sein, das als Nachfolger des „alten“ auf dem Kontinent entstehen wird? Das ist natürlich eine offene Frage, nicht zuletzt weil die Antwort auch davon abhängt, was in anderen Teilen der Welt geschehen wird.

Angesichts seiner schrumpfenden Bevölkerung wird Europa (jedenfalls beträchtliche Teile Europas) möglicherweise zu einem kulturellen Themenpark für betuchte Besucher aus China und Indien werden, zu einer Art Disneyland auf kulturell hohem Niveau – eine Art Brügge, Venedig, Versailles, Stratford on Avon und Rothenburg ob der Tauber im großen Maßstab. Einige solcher Parks gibt es bereits. Als die Kohlenzechen an der Ruhr geschlossen wurden, eröffnete in Bottrop-Kirchhellen die Warner Brothers Movie World (heute Movie Park Germany), wo nicht nur Batman zu erleben ist, sondern auch ein Museum der deutschen Filmgeschichte existiert. Dieses Europa wäre ein Europa der Fremdenführer, Gondolieri und Übersetzer: „Und hier, meine Damen und Herren, sehen Sie die Schauplätze einer hochentwickelten Zivilisation, die einst in der Welt führend war. Sie schenkte uns Shakespeare, Beethoven, den Wohlfahrtsstaat und viele andere schöne Dinge …“

Ein solches Szenario mag zurzeit noch als pure Fiktion erscheinen, doch angesichts der gegenwärtigen Trends besteht durchaus die Möglichkeit, dass es so kommt. Der Gedanke ist nicht einfach von der Hand zu weisen. In der Schweiz ist der Tourismus schon lange von entscheidender Bedeutung, inzwischen nimmt er – bei jährlichen Wachstumsraten von vier Prozent – auch in Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und einigen anderen Ländern an Bedeutung zu. In mehreren europäischen Ländern entwickelt er sich sogar zum wichtigsten wirtschaftlichen Einzelfaktor und zum Haupt-Devisenbringer.

Es ist allerdings genauso gut möglich, dass Europa – sollte es seine inneren sozialen und wirtschaftlichen Probleme irgendwie in den Griff bekommen, auf den Weltmärkten wieder konkurrenzfähig werden und politisch wenigstens teilweise eng zusammenarbeiten – seinen Platz in der sich abzeichnenden neuen Weltordnung findet – bescheidener zwar als in der Vergangenheit, doch immer noch respektabel.

So könnte es bestenfalls werden, doch ist es auch möglich, dass der allgemeine Niedergang weitergeht und sich sogar noch prononcierter bemerkbar macht. Die Lage in Europa könnte sich unter dem Eindruck massiver Einwanderungswellen ungefähr so entwickeln wie in Nordafrika oder im Nahen Osten. Dieses und vielleicht einige andere Szenarien zwischen den Extremen erscheinen gegenwärtig möglich. Was allerdings unmöglich erscheint, ist, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Europas wird, wie es einige – überwiegend amerikanische – Beobachter noch kürzlich behauptet haben. Ihrer Meinung nach hatte das vereinte Europa mit den USA wirtschaftlich nicht nur gleichgezogen, sondern es befand sich bereits auf der Überholspur. Die europäischen Länder lebten in Frieden miteinander und mit ihren Nachbarn, und Europa habe einen Lebensstil entwickelt, der vorbildlich genannt werden müsse, der zivilisierter und humaner sei als alles, was die Welt bisher gekannt habe. Natürlich sei das vereinte Europa keine militärisch-politische Supermacht, aber es sei drauf und dran, durch sein Vorbild als „Veränderungsmacht“ zu wirken – als weltverändernde Macht. Kurz gesagt, der Rest der Welt werde immer mehr wie Europa werden, und dabei werde sich eine Weltordnung herauskristallisieren, die gerechter und humaner sei als jede in den Annalen der Menschheit vorangegangene.

Doch Europa rückte politisch nicht enger zusammen, es zog wirtschaftlich nicht mit Amerika gleich oder überholte es gar; im Gegenteil, man fand es immer schwerer, überhaupt noch mit China und Indien zu konkurrieren. Auch die Art der weltpolitischen Macht veränderte sich nicht radikal, und die Prognosen von gestern schienen sich von den Fakten der realen Welt immer weiter zu entfernen. Daraus ergibt sich unweigerlich die Frage, wie solche Halluzinationen überhaupt hatten entstehen können.

Blickt man dreißig oder auch nur fünfzehn Jahre zurück, so lassen sich mildernde Umstände dafür finden, dass man sich derartigen Illusionen hingab, die jetzt nur noch als Lebenslüge erscheinen. Ein Beispiel aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz: Eine Geschichte Nachkriegseuropas aus meiner Feder, „Europe since Hitler“, die in deutscher Übersetzung erstmals 1970 unter dem Titel „Europa aus der Asche. Geschichte seit 1945“ erschien, bekam in einer revidierten Neuauflage von 1992 den Titel „Europa auf dem Weg zur Weltmacht. 1945-1992“. Nun werden solche Titel zwar in aller Regel vom Verlag gewählt, nicht vom Autor, aber ich habe damals keinen Einspruch erhoben. Ich habe nicht protestiert, weil der Wiederaufstieg Europas nach dem Zweiten Weltkrieg so spektakulär verlief, dass er manchmal an ein Wunder erinnerte. Als die Waffen 1945 schwiegen, dachten viele, nun sei Europa am Ende und würde sich nie wieder erholen. Doch diese Erholung fand statt, und innerhalb von nur zehn Jahren hatten die verschiedenen Wirtschaftswunder begonnen. Aber es handelte sich nicht nur um eine wirtschaftliche Erholung, die den Europäern einen höheren Lebensstandard bescherte als je zuvor; es wurden auch Wohlfahrtsstaaten etabliert, die eine elementare Gesundheitsvorsorge und medizinische Behandlung, einen kostenlosen Zugang zum Bildungssystem und andere Segnungen boten. Niemand musste mehr Angst haben vor Krankheit, Altersarmut und Arbeitslosigkeit. Die europäischen Länder lebten im Frieden miteinander, die Landesgrenzen wurden immer durchlässiger, und Kriegsgefahr bestand allenfalls noch in den Grenzregionen Europas, etwa auf dem Balkan.

Während des Kalten Krieges war Europa geteilt gewesen, doch mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums fiel auch die Berliner Mauer; die osteuropäischen Länder wurden frei. Im Rückblick gab es also gute Gründe für den Optimismus von 1992. Natürlich war Europa nicht wieder zu seiner alten Weltmachtrolle aufgestiegen; es musste sich eher auf die weichen Machtfaktoren verlassen, mit allen damit verbundenen Nachteilen. Aber es hatte auf dem Wege zu enger Zusammenarbeit große Fortschritte gemacht – man hatte gemeinsame Institutionen geschaffen, und es gab gute Gründe für die Annahme, dass es in wenigen Jahren eine gemeinsame europäische Außen- und Verteidigungspolitik geben würde. Dann hätte der alte Kontinent wieder die ihm nach seiner Geschichte und Wirtschaftskraft zukommende angemessene Rolle in der Weltpolitik spielen können.

Schon in den 1970er-Jahren gab es allerdings erste Alarmzeichen, als der große Boom nachließ und Arbeitslosigkeit entstand. Die Begriffe „Euroskepsis“ und „Eurosklerose“ gehen bereits auf die späten 1980er-Jahre zurück. Sie bezogen sich damals aber nur auf die strikten Regelungen des europäischen Arbeitsmarktes und im Allgemeinen auf die wirtschaftliche Situation mit ihrem Auf und Ab, nicht jedoch auf die politische Zukunft Europas. Erst in späteren Jahren zeichnete sich eine signifikante Veränderung in den europäischen Einstellungen zu Europa ab. Die Fortschritte in Richtung einer engeren Vereinigung kamen zum Erliegen – trotz der Einführung einer neuen gemeinsamen Währung, des Euro, und weiterer scheinbar wichtiger Schritte. Der Europa-Enthusiasmus, einst so verblüffend und positiv, ließ nach.

Noch wichtiger war indes, dass es demografische Warnsignale gab. Europa reproduziere sich nicht mehr selbst, warnten Experten in den späteren 1980er-Jahren. Doch solche Warnungen wurden von den Regierungen nicht ernst genommen; sie bezogen sich ja nur auf langfristige Trends, während die Regierungen in Europa, wie anderswo auch, nur für eine Amtszeit von wenigen Jahren gewählt werden. Auch die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz von solchen Prognosen, obwohl keine Spezialkenntnisse in Statistik oder Demografie vonnöten waren, um zu erkennen, dass sich hier wichtige Veränderungen anbahnten. Ein Rundgang durch Europas Städte hätte die einfache Tatsache augenfällig gemacht, dass sich dort viel weniger Kinder tummelten als in der Vergangenheit. Einige argumentierten, die Demografen hätten mit ihren Prognosen doch schon öfter danebengelegen. Noch in den 1960er-Jahren hätten doch viele in der ganzen Welt, auch in Europa, gewarnt, die größte Gefahr für die ganze Menschheit drohe von der Übervölkerung aufgrund exzessiven Bevölkerungswachstums. Doch solche Warnungen schlug die Öffentlichkeit noch entschiedener in den Wind – einige aus ideologischen Gründen, weil sie meinten, die Welt sei doch ohnehin schon übervölkert und folglich habe das Gleichgewicht in der Natur bereits gelitten. Die übergroße Mehrheit, an Ideologien nicht interessiert, ignorierte auch diese Veränderungen einfach, weil die Gefahr, wenn eine solche denn überhaupt bestand, in ferner Zukunft lag und ungewiss erschien.

Wie wird das neue Europa aussehen? Die allgemeine Richtung scheint klar zu sein, aber sie erfüllt mein Herz nicht gerade mit Freude. Auch habe ich keine Antworten für die großen Probleme parat, vor denen Europa in den kommenden Jahren steht. Ich beneide all jene, die in den letzten Jahren über Europas brillante Zukunft geschrieben haben, und wünschte, ich könnte ihren Optimismus teilen. Ich vermute jedoch, dass es eine eher bescheidene Zukunft sein wird, und hoffe nur, dass Europa mehr sein wird als lediglich ein Museum.

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