Meinung : Die Löcher der Gießkanne

Afrikas Staaten brauchen maßgeschneiderte Hilfe

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Alexander S. Kekulé Die Bomben von London haben die Ergebnisse des G8-Gipfels übertönt, Bob Geldofs dröhnende Rockprozession verhallte im Vakuum von Trauer und Entsetzen. Was ist eigentlich herausgekommen in Gleneagels, wo Tony Blair „Armut zu Geschichte machen“ wollte?

Leider nichts, was in die Geschichte eingehen wird. Das wichtigste Ziel, im festgefahrenen Klimaschutz zumindest einen vagen Aktionsplan zu vereinbaren, scheiterte am Widerstand des US-Präsidenten. Blairs zweites großes Ziel, die Entwicklungshilfen der G-8- Staaten auf 0,7 Prozent der Bruttoinlandsprodukte zu erhöhen, scheiterte ebenfalls an den USA. Während die EU-Länder bereits im Mai beschlossen haben, diese Marke bis 2015 zu erreichen, hat Bush seinen G-8-Kollegen keinen einzigen Dollar extra zugesagt. Die USA geben derzeit 0,16 Prozent für Entwicklungshilfe aus, weniger als jeder andere G-8-Staat. Immerhin haben die G8 erklärt, ihre Entwicklungshilfen bis 2010 von derzeit 25 auf 50 Milliarden Dollar erhöhen zu wollen. Wie das ohne die USA gehen soll, ist allerdings unklar. Bush verließ den Gipfel ohne öffentliche Erklärung. Dass er sich so leise davonstehlen konnte, hat er auch dem Lärm der Terrorbomben zu verdanken.

Als einziges wichtiges Resultat, das sich kurzfristig umsetzen lässt, bleibt der Schuldenerlass. In der Entwicklungshilfe für Afrika ist das Instrument jedoch umstritten, weil es korrupte Regimes zum Weiter-so ermutigt. Für die drei größten Probleme der Länder südlich der Sahara –  Gesundheit, Ernährung und Bildung – bringt es überhaupt nichts. Unterernährung und Unwissenheit verursachen Krankheiten, die wiederum die Landwirtschaft und das Bildungssystem lahm legen. Der Krieg gegen die Armut ist deshalb nur in konzertierten Aktionen an allen drei Fronten zu gewinnen.

Dazu ist kein Schuldenerlass mit der Gießkanne, sondern eine auf jedes Land maßgeschneiderte Hilfe notwendig. In Uganda etwa konnte durch systematische Gesundheitsaufklärung, Verbesserung der medizinischen Infrastruktur und Bereitstellung von Aids- Medikamenten die Zahl der Neuinfektionen mit HIV erheblich gesenkt werden. Der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung stieg, Schulen und Krankenhäuser konnten normal arbeiten. Die wirtschaftliche und soziale Lage Ugandas hat sich, entgegen dem Trend im südlichen Afrika, im letzten Jahrzehnt deutlich verbessert.

Auch die Malaria, die wohl schlimmste Geißel der Armen, kann durch abgestimmte Maßnahmenpakete besiegt werden. Malariakranke Kinder gehen nicht zur Schule, Erwachsene nicht zur Arbeit: Länder mit hohem Malariabefall haben ein niedrigeres Bildungsniveau und schlechtere Wirtschaftszahlen. Deshalb wissen dort viele Menschen nicht mal, dass Moskitonetze und die Vernichtung der Mückenlarven vor der Krankheit schützen. Zusätzlich fehlt Geld für Insektizide, Malariamittel und Moskitonetze.

Ein Pilotprojekt in Sambia soll nun beweisen, dass durch Aufklärung, Insektizide, Medikamente und flächendeckende Verteilung von Mückennetzen die Zahl der Malariatoten in nur drei Jahren um drei Viertel gesenkt werden kann. Die – vergleichsweise geringen – Mittel von 35 Millionen Dollar kommen von der Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates. Sie werden voraussichtlich hunderttausende Menschenleben retten und einen Beitrag gegen die Armut leisten. Solche Projekte wären auch für die G-8-Staaten zu wünschen: Der Krieg gegen den Terror kann nur an den Fronten der Armut gewonnen werden.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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