Meinung : Die Macht der Gefühle

Malte Lehming

Vor einem Monat begann der Krieg in Afghanistan. Die Nato hatte den Bündnisfall erklärt, die Uno ihr Okay gegeben. Eine Mehrheit der Deutschen unterstützte die Militäraktion. Selbst von Sozialdemokraten und Grünen wurde die US-Regierung für ihre Besonnenheit gelobt. Erleichtert wurde registriert, dass die Kriegsziele sich auf die Organisation Al Qaida und die in Afghanistan herrschende Taliban-Miliz beschränken. "Give War a Chance" - zu dieser traurigen, manchmal notwendigen Devise schienen die Deutschen sich durchgerungen zu haben. Der Terror hatte ihre Sinne geschärft. Das ist erst einen Monat her.

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Themenschwerpunkte: Krieg - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Inzwischen ist die Stimmung gekippt. Das Händeringen, die Besorgnis, Kritik und Verdammung nehmen epidemische Ausmaße an. Aber warum? Gibt es irgendein Ereignis, das in so kurzer Zeit aus richtig hat falsch werden lassen?

Dass dieser Krieg mit ungewöhnlichen Mitteln geführt und lange dauern würde, hatten alle von Anfang betont. In seiner viel gerühmten Rede vor dem Kongress hat George W. Bush eindringlich an die Geduld der Menschen und ihre Entschlossenheit appelliert. Und war etwa unbekannt, dass in jedem Krieg auch Zivilisten sterben? Dass es in Afghanistan besonders viele sind, kann niemand ernsthaft behaupten. Schon vor dem 11. September waren Millionen Afghanen auf der Flucht - auf der Flucht vor den Taliban und der von ihnen verschuldeten Hungersnot. Der Krieg, das ist wahr, hat dieses Problem verschärft. Aber auch das war absehbar, die Befürworter der Militäraktion hatten es in Kauf genommen.

Was also ist passiert? Wenn weder überraschende Ereignisse noch unvorhersehbare Entwicklungen die Stimmung so radikal verändert haben, was dann? Die angeblich fürsorgliche Angst vor einem amerikanischen Fiasko, wie damals in Vietnam? Die Analogie greift nicht. Zum Vietnamkrieg, der aus ideologischen Gründen geführt worden war, gab es eine Alternative, nämlich keinen Vietnamkrieg. Zum Kampf gegen den Terrorismus dagegen, der ein Akt der Notwehr ist, gibt es keine Alternative. Eine Regierung, die nicht alles tut, um ihre Bevölkerung zu schützen, hat die Legitimation verloren.

Außerdem ist die Vietnam-Metapher durch inflationären Gebrauch langsam hinfällig geworden und spätestens seit den Militärerfolgen in der Golfregion und auf dem Balkan widerlegt. Zur Hasenfüßigkeit besteht diesmal ebensowenig Anlass wie während des Irak- und Kosovokrieges. Und wer warnend das Debakel der Sowjets in Afghanistan aus der Argumentationskiste zieht, sollte sich genau erinnern: Die sowjetischen Verbände von damals waren im Vergleich zu den amerikanischen von heute eine Drittweltsöldnertruppe, die sich außerdem hochmoderner amerikanischer Waffen ihrer Gegner erwehren musste.

Nein, nicht Fakten haben die Stimmung in ihr Gegenteil verkehrt, sondern Gefühle. Weil die Erfolgsbilder ausbleiben, beherrschen die von den Taliban-Milizen geschickt lancierten Misserfolgsbilder die Wahrnehmung. Jedes hungernde Kind, jeder Mensch auf der Flucht, jede Bombe, die ihr Ziel verfehlt, verdrängen die politische Rationalität, die hinter diesem Krieg steht.

Entschlossenheit hat mit Nervenstärke zu tun. Die radikalislamischen Terroristen halten die westlichen Demokratien für schwach und labil. Unsere Stimmungsschwankungen bestätigen ihre Vorurteile. Den Kampf gegen diese Fanatiker jetzt abzubrechen, würden sie als Beleg für die Richtigkeit ihres Weltbildes werten. Sie würden sich ermutigt fühlen und neue Hoffnungen schöpfen, mit Hilfe des Terrors siegen zu können.

Es stimmt: Moslems, die von "Ungläubigen" getötet werden, und US-Truppen, die während des Ramadans kämpfen, schüren den Antiamerikanismus in der arabischen Welt. Weitaus gefährlicher allerdings wäre es, sowohl für den Westen als auch für die moderaten arabischen Regierungen, die "Operation dauerhafte Freiheit" für gescheitert zu erklären und aus Afghanistan abzuziehen. Nichts würde allen gewaltbereiten Islamisten in der Region stärkeren Auftrieb geben als das.

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