Meinung : Die Macht über den Mausklick

Um die Kontrolle des Internets tobt Streit, schlichten soll ihn nun ein UN-Gipfel

Kurt Sagatz

Wer regiert das Internet? Ist das globale Informationsmedium nicht so organisiert, dass es sich quasi ohne menschliches Zutun selbst verwaltet? Angeblich soll es ja sogar nach einer Atombomben-Explosion noch funktionieren. Diese Fragen werden von Mitte der Woche an, wenn sich in Tunis 10 000 Experten aus über 120 Ländern zum Weltgipfel zur Informationsgesellschaft der Uno treffen, in den Blickpunkt gerückt – nicht nur der rund einer Milliarde Bewohner des World Wide Webs, sondern auch der über 5,5 Milliarden Menschen, die bislang noch nicht von dessen Vorteilen profitierten. Denn auch wenn das Internet tatsächlich unter keiner direkten staatlichen Kontrolle steht und wichtige Ressourcen in privatrechtlichen Organisationen verwaltet werden, so ist das Netz nicht nur eine Erfindung der USA, sondern es steht auch unter Kontrolle der amerikanischen Regierung. Und die ist keineswegs bereit, in Tunis auch nur ein Stück ihrer Macht abzutreten.

Worum es geht: Viele der wichtigsten Entscheidungen des Internets laufen in einer Organisation zusammen, die den spröden Namen Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (kurz: Icann) trägt. Wie der Name sagt, wird dort das verwaltet, was das Internet zusammenhält: die Namen und Nummern von jeder der rund zwei Milliarden Internet-Seiten, die derzeit im Web verfügbar sind. In dieser Non-Profit-Organisation, die über Verträge mit dem US-Handelsministerium verbunden ist, wird festgelegt, wie groß der Raum für neue Adressen beispielsweise in Afrika sein soll. Icann entscheidet, ob Europa die Länderendung „.eu“ tragen darf. Und sie hat Zugriff auf jene zentralen Rechnersysteme, die dafür sorgen, dass ein Internet–Nutzer nach Angabe beispielsweise der Adresse www.tagesspiegel.de auch tatsächlich mit unserem Internet-Angebot verbunden wird. Genau darum verlangt nun unter anderem die Europäische Union mehr Mitspracherecht bei den Zukunftsfragen des Webs.

Da jedoch selbst Kritiker der Icann bescheinigen, dass sie das Internet bislang überwiegend gut verwaltet hat, darf es nicht dazu kommen, das einzelstaatliche Interessen das Tagesgeschäft bestimmen. Ein international besetzter Aufsichtsrat unter dem Dach der Vereinten Nationen jedoch, der auch die unterrepräsentierten Staaten der Dritten Welt berücksichtigt, entspräche eher der Bedeutung des Netzes für die Zukunft der Menschheit. Im Bereich der Telefonie funktioniert ein ähnliches Modell; der 1865 gegründete Internationale Telegraphenverein (heute ITU) regelt unter UN-Hoheit die technischen Aspekte der Telekommunikation.

Wenn Europa zusammen mit Afrika und Südamerika für mehr Mitsprache kämpft, ist das verständlich und richtig. Wenn jedoch Staaten wie China und Iran dazustoßen, die in ihren Ländern den Zugang zum Internet zensieren und durch stärkeren Einfluss auf das Internet noch repressiver gegen Dissidenten vorgehen könnten, ist das eine unheilige Allianz, auf die sich die EU nicht einlassen sollte.

Die Konstellation ist heikel. Dennoch muss es eine internationale Einigung geben. Denn sollte der Streit zwischen den USA und dem Rest der Welt nicht gelöst werden, droht im schlimmsten Fall die Spaltung des Internets. Eine parallele Verwaltung mag im Normalfall funktionieren, in der Krise wäre sie das Ende des World Wide Webs.

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