Meinung : Die Mär vom Schmetterling

Ist das Unwetter der Anfang einer Klimakatastrophe?

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Von Alexander S. Kekulé

WAS WISSEN SCHAFFT

Zumindest der sprichwörtliche Hahn auf dem Mist hat mit dem Wetterchaos nichts zu tun – noch nicht. Denn derzeit machen die Wetterberichte so ziemlich alles und jeden dafür verantwortlich, dass es diesen Sommer vom Himmel kachelt. Sogar „El Niño“ wurde verdächtigt – obwohl das pazifische Klimaphänomen erst im Winter wetterwirksam wird und auf Europa keinen messbaren Einfluss hat. Andere Erklärungen reichen von „häufiger Windstille“ bis „purer Zufall“. Den fröstelnden Europäer aber beschleicht ein ganz anderer Verdacht: Sind die Unwetter womöglich der Anfang der lange vorhergesagten Klimakatastrophe?

Seriösen Wissenschaftlern fällt es schwer, diese Frage zu beantworten. Während die kurzfristige Vorhersage durch Satellitenfotos, Messstationen und langjährige Erfahrungswerte inzwischen recht zuverlässig ist, lassen sich langfristige Wetterveränderungen nach wie vor kaum berechnen. Fest steht lediglich, dass die Erde sich in diesem Jahrhundert um ein bis fünf Grad erwärmen wird. Die Folge sind schmelzende Gletscher, steigende Meeresspiegel und eine Zunahme von Dürreperioden in den Tropen. Für die große Mehrheit der Klimaforscher ist mittlerweile auch unbestritten, dass der Mensch mit der Emission von Treibhausgasen erheblich zur Erderwärmung beiträgt. Unklar bleibt aber, ob die derzeitige Häufung von Stürmen und Überschwemmungen bereits auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Hauptursache der hiesigen Überschwemmungen ist jedenfalls nicht der Treibhauseffekt, sondern die Versiegelung der Böden durch Straßenbau und Landwirtschaft.

Bis vor kurzem galt es sogar als unmöglich, „extreme Ereignisse“ aus den Klimamodellen und Wetterdaten zu berechnen: Wegen der Komplexität des Wettergeschehens könnte bereits der Flügelschlag eines Schmetterlings irgendwo auf der Erde darüber entscheiden, ob einige Wochen später weit entfernt ein Tornado entsteht oder nicht. Wegen dieses aus der Chaostheorie abgeleiteten „Schmetterlingseffektes“ gingen die Meteorologen seit den 70er Jahren davon aus, dass selbst die schnellsten Computer das Wetter höchstens zwei Wochen im Voraus berechnen könnten.

Vor wenigen Jahren erlebten die Meteorologen dann eine Überraschung: Bei komplexen Wettersimulationen entstanden im Großen auf einmal vorhersagbare Strukturen, obwohl die Millionen von Einzeldaten weiterhin den Gesetzen der Chaostheorie folgten. Mit dem Abschied von der Schmetterlingssaga ist die Vorhersage von Wirbelstürmen und Überschwemmungen in greifbare Nähe gerückt – und der Wettlauf um die besten Wettercomputer entbrannt. Im April nahmen japanische Forscher den schnellsten Rechner aller Zeiten in Betrieb: Der „Earth Simulator“ schafft mit 5104 Prozessoren auf einer Fläche von vier Tennisplätzen 36 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde – so viel wie die 12 besten amerikanischen Computer zusammen. Für die USA ist das ein Problem: Der Rechner könnte die von der Bush-Regierung heruntergespielte Gefährdung des Weltklimas noch klarer aufzeigen. So reagierte Bush ungewöhnlich schnell: Der japanische Computer darf in den USA nicht verkauft werden.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Halle. Foto:J. Peyer

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