Meinung : Die Menschen bleiben cool Israelis und Palästinenser wollen die Anschläge ignorieren

Charles A. Landsmann

Die beiden Selbstmordanschläge haben die Waffenruhe im Nahen Osten zerstört. Aber den Alltag der Israelis und Palästinenser haben sie nicht beeinflusst. Die beiden Regierungen schieben sich gegenseitig die Schuld an der Verschärfung der Lage zu. Die bedrückenden Bilder, die seit Wochen Vergangenheit zu sein schienen, kehrten zurück – Stillstand auf den Straßen in der Umgebung der beiden Attentate und rund um die Stadt Kfar Saba, Warteschlangen vor den plötzlich wieder sehr intensiven Sicherheitskontrollen am Eingang der Einkaufszentren im Großraum Tel Aviv –, aber das währte nur wenige Stunden. Was Raum lässt für Hoffnung. Am Abend floss der Verkehr, war erneut Shopping angesagt. Ähnlich im palästinensischen Westjordanland: Die Spannung nach den Anschlägen hielt nur kurz an, im Gazastreifen ging der Alltag weiter.

Dieses Verhalten bestätigt die neuesten Umfrageergebnisse: Israelis und Palästinenser genießen die Entspannung, die ihnen die „Hudna“, die Waffenruhe, seit anderthalb Monaten gebracht hat. Und sie wollen auf die Erleichterungen nicht wieder verzichten.

Die israelische Polizei hat ihre Präsenz entlang der „grünen Linie“ zum Westjordanland, auf den Straßen in die Städte und am Strand verstärkt, beruhigte aber die Bevölkerung: Sie solle die Ferien genießen – auch das zweitägige Bier-Festival in Tel Aviv. In Ramallah wird am Freitag das erste große palästinensische Einkaufszentrum eröffnet.

Die beiden Regierungen dagegen schieben sich gegenseitig die Schuld für die Gefährdung des Friedensprozesses zu. Sie wollen den amerikanischen Chefvermittler William Burns beeindrucken. Der palästinensische Ministerpräsident Mahmud Abbas verlangt, Israel müsse weitere Häftlinge freilassen, die Truppen aus allen Westbank-Städten zurückziehen und den Bau des Trennzaunes stoppen. Die israelische Regierung bekräftigte, es werde keine Fortschritte bei der Road Map geben, bevor nicht die palästinensischen Terrorstrukturen zerstört seien. Was bedeutet: Die Gründung des palästinensischen Staates verzögert sich.

Israels Regierungschef Ariel Scharon rief Verteidigungsminister Shaul Mofaz vorzeitig aus dem Urlaub zurück. Er wolle eine „angemessene Reaktion“ auf die Anschläge, nicht aber den Weg zum Frieden verbauen. Es bestehe die „reale Gefahr“, dass die Palästinenser versuchten, Israel daran zu gewöhnen, „Verhandlungen unter Feuer“ zu führen.

Bei einer Sondersitzung der Knesset hielt allerdings Ofir Pines, ein führender Politiker der Arbeitspartei, der Regierung vor, auch sie halte sich nicht an die Verpflichtungen: Weder würden illegale Siedlungs-Außenposten geräumt, noch der Siedlungsbau gestoppt. Die für die Palästinenser wichtige Orient House sei mit einer neuen sechsmonatigen Öffnungssperre belegt.

Höchste israelische Sicherheitskreise äußern sich pessimistisch: Wenn es nicht gelinge, im extremistischen Lager der Palästinensern den Trend zu stoppen, sei eine neue Eskalation der Gewalt wahrscheinlich. Ministerpräsident Abbas könne die Straße nicht kontrollieren.

Die Hamas will sich weiter an die „Hudna“ halten, jedoch auf israelische Attacken reagieren. Israel befürchtet, dass die Hamas im Gaza-Streifen wie die Hisbollah sein wolle: eine Abschreckungsmacht, die über Raketen verfügt.

Israels Opfer- und Anschlags-Bilanzen seit Beginn der Intifada vor fast drei Jahren: 822 Israelis wurden getötet, die meisten durch insgesamt 242 Selbstmordattentäter. Seit Beginn der Waffenruhe vor sechs Wochen gab es 206 Anschläge, davon 132 mit Schusswaffen. 40 weitere wurden verhindert, 200 Terrorverdächtige verhaftet.

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