Meinung : Die Methode Merkel

„Auf Enthüllungsjagd“ vom 21. Mai

Das „Phänomen Merkel“ ist keines. Es ist eine Realität, die uns täglich als „Coolness in Person“ begegnet, als das ganz und gar Unaufgeregte in den Hitzigkeiten der politischen Alltagsschlachten. Wie gut, dass es so ist. Man stelle sich nur einmal vor, hier würde eine charismatisch brillierende Landeschefin ein Dauerfeuerwerk bejubelter Entscheidungen abfackeln, von einem Scheinsieg zum anderen jagen. Nicht auszudenken, welche gefährlichen Stimmungstemperaturen das bei uns und in Europa, ja der Welt, hervorrufen würde. Schon Max Weber warnte vor Charismatikern in der Politik. Wenn sich ihre Heilsversprechen als Phantasmen herausstellen, ist die Volksseele erst enttäuscht, doch dann beginnt sie zu kochen. Sind wir also dankbar, dass hier keine eitle Politschauspielerin uns mit falschen Versprechungen, großen Aufführungen und funkelnden Roben die Augen verdreht, sondern dass sie das oft sedativ und zögerlich zurücknehmend Erscheinende strategisch wohlüberlegt praktiziert, weil es Teil ihres Wesens ist. Sie ist Physikerin. Darum weiß sie auch, dass Versuchsreihen – und damit sind auch politische Entscheidungen gemeint, die nachwirken werden – nicht übers Knie gebrochen werden können. Und was ihre Vita betrifft: Alles war so, wie es war. Punktum. Dass sich nun durchaus ernsthafte Publizisten, aber auch Effekthascher-Skribenten und Kaffeesatzleser ans Werk machen, um uns mit den „allerneuesten Wahrheiten“ über Angela Merkel zu unterhalten, sei den kommenden Sommermonaten und dem Anköcheln der bevorstehenden Wahl geschuldet. Man sollte diese Publikationen mit Merkel’scher Gelassenheit betrachten. Aber muss man sie lesen?

Arnulf Joachim v. Tomberg,

Berlin-Charlottenburg

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