Meinung : Die Mutter aller Reformen

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Einige Verwaltungsexperten sehen Ähnlichkeiten zwischen der Bürokratie und gewissen Verpackungsformen. Man müsse nur an irgendeiner Stelle entschlossen ziehen, sagen sie, dann werde alles gut. Aber wo ist der verdammte Nippel, mit dem alles anfängt? Jetzt haben sie ihn womöglich in Hessen gefunden. Denn dort hat ein zuständiger Minister die altdeutsche Regelung aufgehoben, derzufolge Imbissstände ohne Gästetoiletten nur Steh und keine Sitzplätze anbieten dürfen, und zwar einfach so, ohne Volksabstimmung und Verfassungsgerichtsurteil, vermutlich sogar, ohne Attac und die Verbraucherzentrale zu fragen. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder brechen die hessischen Imbisse unter unbeschreiblichen hygienischen Umständen zusammen und die Frikadellen-Freaks flüchten in die angrenzenden Bundesländer – oder es passiert einfach gar nichts. Dann und nur dann wäre der nobelpreisverdächtige Nachweis gelungen, dass idiotische Verwaltungsvorschriften zerstörbar sind, so, wie man auch einen Atomkern spalten kann. Vermutlich müssen anschließend noch die Planstellen von zehn Imbissplatzkontrolleuren gestrichen oder mit einem Kann-wegfallen-Vermerk versehen werden, und es mag sein, dass die deutsche Stehplatzliga einen geharnischten offenen Brief auf den Weg bringt – doch der Anfang ist gemacht. Wir dürfen unsere Currywurst im Sitzen essen! Deutschland hat sich damit endgültig als reformfähig erwiesen.

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