Meinung : Die nackte Kanone

Nicht nur eine Frage von Peinlichkeit: Günter Verheugen am FKK-Strand

Moritz Schuller

Als ein Foto auftauchte, das ihn händchenhaltend mit seiner Kabinettschefin zeigte, sagte Günter Verheugen: „Hier werden Menschen, die mir nahestehen, tief verletzt, und ich kann sie davor nicht schützen.“

Er meinte seine Mitarbeiterin Petra Erler, aber in Wahrheit hat es Verheugen in seiner politischen Karriere nie wirklich geschafft, sich vor sich selbst zu schützen. Er hat sich politisch immer wieder selbst verletzt. Sein Vorschlag als Erweiterungskommissar in den alten EU-Länder Referenden über die neuen Mitglieder abhalten zu lassen, brachte seine Karriere in Brüssel fast an ihr Ende. Er sei eine „loose cannon“, hieß es in den britischen Medien, eine unkontrolliert auf Deck herumrollende Kanone.

Nun ist er eine nackte Kanone: Es soll Bilder geben, die ihn beim FKK-Baden mit derselben Mitarbeiterin zeigen. Veröffentlicht wurden sie noch nicht, doch der Verdacht ist wieder da: dass Verheugen Günstlingswirtschaft betreibe, denn erst kurz bevor die Bilder entstanden, hatte Verheugen Erler zu seiner gut bezahlten Kabinettschefin ernannt. Damals sagte Verheugen: „Es bestand keine über eine persönliche Freundschaft hinausgehende Beziehung, als diese Ernennung erfolgte. So ist die Situation auch heute.“

Wenn die Situation so war, wie Verheugen sie beschreibt, dann sind auch die neuen Fotos kein Grund zum Rücktritt. So ungewohnt unbürokratisch das Bild ist, das sich hier vom EU-Apparat auftut, korrupt ist es nicht. Im Altgriechischen bedeutet „Freundschaft“, „philia“, zwar auch „Liebe“, aber in Brüssel ist das offenbar anders: Verheugen und Erler arbeiten zusammen und baden nackt zusammen, sie sind gute Freunde, mehr nicht. An der fachlichen Kompetenz von Petra Erler gibt es jedenfalls keinen Zweifel.

Dass Verheugen über die Verletzung der Privatsphäre durch die Medien geklagt hat, ist jedoch rührend: Jemand, der so viel Wert auf seine Privatsphäre legt, dass er sich öffentlich nackt auszieht, braucht offenbar dringend mehr Schutz vor sich selbst.

Es ist unwahrscheinlich, dass Kommissionspräsident José Manuel Barroso oder Angela Merkel ihm diesen Schutz angedeihen lassen werden: Verheugen wird weitermachen müssen. So kurz vor dem Beginn der EU-Ratspräsidentschaft ist das Auswechseln des deutschen Kommissars aus deutscher Sicht alles andere als wünschenswert. Verheugen sei ein politisches Schwergewicht, sagte der Außenminister. Er werde gebraucht, bedeutet das, aber auch, dass diese „Affäre“, nähme sie an Gewicht zu, die deutsche Ratspräsidentschaft unter Wasser ziehen könnte. Die Situation darf eben nicht anders gewesen sein, als der SPD-Politiker sie darstellt.

Ob der so bloßgestellt noch ein effektiver Kommissar sein kann, ist jedoch nicht nur eine Frage von Peinlichkeit. Die Bilder gerieten an die Presse, nachdem Verheugen in einem Interview die Eigenmächtigkeit der EU-Beamten beklagt hatte. Dafür war Verheugen auch in der Kommission scharf kritisiert worden. Die Bilder könnten ein Hinweis darauf sein, dass Verheugens Beziehung zur EU-Verwaltung nicht gerade freundschaftlich ist. Konstruktiv sollte sie bei aller Lust zur Offenheit allerdings schon sein.

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