Meinung : Die Natur ist noch zu billig

Verursacher sollten bei einer Ölpest zahlen – oder vorsorgen

Dagmar Dehmer

Die Bilder von ölverklebten Seevögeln wirken beschleunigend. Gut zwei Wochen mit verendenden Basstölpeln, Trottellummen, die damit in Europa ausgestorben sein dürften, oder Kormoranen treiben selbst hartgesottenen Machtpolitikern die Tränen in die Augen. Und deshalb muss dann alles ganz schnell gehen. Diesen Eindruck möchte zumindest die spanische EU-Verkehrskommissarin Loyola de Palacio erwecken.

Fast täglich wartet sie mit einer neuen Idee auf – die meisten davon sind gar nicht schlecht: schwarze Listen für altersschwache einwandige Tanker, die in europäische Häfen nicht mehr einlaufen dürfen, und ein schneller in Kraft tretendes Verbot dieser schwimmenden Zeitbomben auf internationalen Gewässern. Das alles hat sie am Freitag ihren europäischen Kollegen vorgeschlagen. Diese konnten angesichts ölverdreckter Strände und verzweifelter Fischer kaum anderer Meinung sein und stimmten zu.

Schade, dass gar nicht genug Tanker untergehen können, um so viele Schreckensbilder und damit das Tempo zu erzeugen, das notwendig wäre, um weitere Ölkatastrophen vor europäischen Küsten zu verhindern. Denn immer noch geht es nur langsam voran: De Palacio will das nach einer vorhergehenden Ölpest beschlossene internationale Verbot einwandiger Tanker schon 2010 umsetzen, nicht erst 2015. Das ist Tatkraft!

Falls sich die neuerdings couragierte Verkehrskommissarin damit durchsetzen kann, was nicht allzu wahrscheinlich erscheint. Zwar muss sie sich diesmal nicht mit den notorisch unwilligen USA anlegen. Dort gilt das Verbot einwandiger Tanker seit der Katastrophe der Exxon Valdez vor der Küste Alaskas 1989. Aber sie hat es mit Griechenland zu tun, dessen Reedereien viele altersschwache und unsichere Tanker unter Vertrag haben. Sie hat es mit Russland zu tun, das seine Ölhäfen an der Ostsee ausbaut und inzwischen zum größten Exporteur für Schweröl aufgestiegen ist. Und warum sollte sich ein Land, das nicht einmal den Verfall seiner Atom- U-Boot-Flotte verhindern kann, auf teurere Transporte einlassen? Die Billigflaggen-Länder haben ebensowenig Interesse an einem schnellen Verbot wie die Zielländer, beispielsweise die Niederlande. In Rotterdam kommen viele Seelenverkäufer an, um ihre gefährliche Fracht zu löschen.

Kaum Tatendrang

Zugegeben, es ist einfach, Loyola de Palacio zu verspotten. Denn der Kampf, den sie sich zu kämpfen vorgenommen hat, ist schwer zu gewinnen. Andererseits hat die Kommmissarin bisher nicht den Eindruck hinterlassen, dass ihr das Problem allzu wichtig ist. Nach der Erika-Katastrophe, die immerhin drei Jahre zurückliegt, hat sie wenig unternommen. Diesmal hat die Ölpest ihre Landsleute getroffen. Vielleicht reicht ihre Motivation deshalb diesmal etwas länger. Und vielleicht kann sie die europäischen Minister zumindest von besseren Kontrollen der Schiffe überzeugen, die längst vorgeschrieben, aber nicht allzu ernst genommen worden sind. Eine Lösung ist das noch nicht.

Im Sommer wurde beim UN-Weltgipfel in Johannesburg beraten, wie Konzerne für ihr Handeln besser verantwortlich gemacht werden könnten. Eine Antwort auf das immer neue alte Trauerspiel mit Namen Ölpest: Nur wenn ein Tankerunglück die Auftraggeber, die Reeder, die Eigentümer der Fracht so viel kostet, wie es an Schaden anrichtet. Nur wenn kein EU-Solidaritätsfonds finanziert wird, um eine ganze Region vor dem Kollaps zu bewahren, sondern stattdessen die Ölkonzerne dafür aufkommen müssen, gibt es einen plausiblen, da wirtschaftlichen Grund, sicherere Schiffe einzusetzen. Das Risiko einwandiger Schiffe würde keine Haftpflichtversicherung der Welt übernehmen.

Die Kosten für den Transport würden dadurch steigen. Aber die Wahrscheinlichkeit, ölverschmierten Seevögeln beim Sterben zusehen zu müssen, würde geringer werden.

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