Meinung : „Die neue Regierung …

Clemens Wergin

… sollte nur eine Treuhandregierung sein, die Wahlen vorbereitet.“

Es waren amerikanische Bomben, die Hussein Schahristani retteten. Das war im Februar 1991, als die Amerikaner im Golfkrieg Bagdad bombardierten. Im damaligen Chaos gelang es dem Atomwissenschaftler, nach zwölf Jahren Gefangenschaft aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis zu fliehen. Nun gilt der Mann aus Kerbela als heißester Anwärter auf den Chefposten in der irakischen Übergangsregierung, die am 30. Juni die Macht übernehmen soll. Keine schlechte Wahl. Denn Schahristani ist Schiit, gehört aber gleichwohl nicht zum religiösen Establishment dieser größten irakischen Volksgruppe.

Der Nuklearexperte, der unter anderem in London und Toronto ausgebildet wurde, kehrte 1970 in den Irak zurück, um das Atomzentrum Al Tuweitha zu leiten. Als Saddam Hussein 1979 forderte, Iraks ziviles Atomprogramm zu einem militärischen umzufunktionieren, weigerte sich Schahristani, mitzuarbeiten. Daraufhin verschwand er für mehr als ein Jahrzehnt im Abu-Ghraib-Gefängnis, wo er gefoltert wurde und lange Zeit in Isolationshaft verbrachte.

Nach seiner Flucht hat Schahristani von England aus eine Hilfsorganisation für den Irak aufgebaut. Was ihm heute zugute kommt, ist nicht nur seine moralische Autorität, sondern auch, dass er keiner der untereinander zerstrittenen Exilparteien angehört. Zudem weiß er, was die Menschen im Irak am dringendsten benötigen. Schließlich hat er seit Kriegsende Hilfsprojekte in Kerbela und Basra aufgebaut. Das wichtigste Pfund des 62-Jährigen: Er steht dem Schiitenführer al Sistani nahe. Jetzt muss er noch Sunniten und Kurden überzeugen, dass er auch deren Interessen vertreten könnte.

Auf ihn aufmerksam wurde der UN-Gesandte Lakhdar Brahimi wegen eines Meinungsbeitrags im „Wall Street Journal“ Ende April. Der liest sich heute wie eine vorgezogene Regierungserklärung: „Die neue provisorische Regierung sollte nur eine Treuhandregierung sein, die Wahlen vorbereitet. Sie sollte nicht beginnen, militärische, wirtschaftliche oder politische Verträge zu verhandeln oder Vereinbarungen treffen, die die rechtmäßig gewählten Regierungen in der Zukunft binden würden.“ Schahristani hat das amerikanische Vorgehen im Irak oft heftig kritisiert. Gleichzeitig weiß er, was der Irak den Amerikanern verdankt. Und so darf man Schahristani zutrauen, die Gratwanderung zwischen Zusammenarbeit mit den Besatzern und Abgrenzung zu meistern.

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