Die neue Zeit : Zwei Welten

Die neue Zeit kommt mit neuen Köpfen und neuen Ideen. In der politischen Mitte prallen in den nächsten Jahren zwei Welten aufeinander: Von links kommt Sigmar Gabriel, von rechts Philipp Rösler und Karl-Theodor zu Guttenberg. Das verspricht spannend zu werden.

Stephan-Andreas Casdorff

Mit ihnen zieht die neue Zeit …

Nicht, dass die SPD mit Sigmar Gabriel schon wieder siegfähig wäre, nach nur einer Rede. Nicht, dass sie aus dem Loch heraus wäre, in dem sie sich befindet, dem 20-Prozent-Loch. So schnell geht das nicht. Wer klettern will, muss stetig sein. Und braucht ein Team, das sich gegenseitig hilft, eine Seilschaft im besten Sinne. Sonst stürzen alle ab.

Aber die neue Zeit, sie kommt. Unweigerlich, wie die Zukunft schon wieder Gegenwart ist.

Und Gegenwart ist, dass sich für die kommenden vier Jahre, mindestens die, eine politische Auseinandersetzung ankündigt, die spannend zu werden verspricht. Das zeigt sich nach nicht nur einer Rede, sondern nach mehreren. Sie zusammen sind das Versprechen. Was Gabriel sagt, steht dem entgegen, was er die Demokratische Rechte nennt. Für die steht, nein, nicht Angela Merkel. Mehr als jeder andere sind es zwei neue Namen: Philipp Rösler und Karl-Theodor zu Guttenberg.

Und es prallen zwei Welten in der Mitte aufeinander. Von der Linken kommt Gabriel. Was er sagt, wie er es sagt: Es kommt leicht visionär daher, dazu bauchig-gefühlig, mit betonter Anlehnung an den Meister des Ungefähren, an Willy Brandt. Gabriel repolitisiert auf seine Weise die Politik der SPD, indem er auf das hört, was er in der Polis erfährt. Was er erfahren hat, zeigt sich an dem, was er will: Projektionsflächen erlauben, Entwicklungen anstoßen, an denen vieles sich selbst erfüllt, als Erstes die Mitglieder und Sympathisanten mit dem Gefühl der Teilhabe. Räume für Träume. Sie zu eröffnen, heißt einen Sehnsuchtsort zu zeigen: Wer, in dieser ansonsten hochindividualisierten Gesellschaft, will den Traum vom besseren Leben nicht träumen? Nicht leben?

Von der Rechten kommen Guttenberg und Rösler. Die kommen nicht nur, sie treten auf, alert und adrett, unaufgeregt und dominant. Lebendiges Florett. Sie haben die Fakten, und Zögern kostet, nicht nur Zeit. Rösler spricht ohne Zettel und ohne sich zu verzetteln über die schwierigste sachpolitische Materie der vergangenen Jahre, die Gesundheit. Er provoziert, kalkuliert. Und Guttenberg: Er weiß, wie er sprechen muss, damit seine Botschaft ankommt. Sie kündet von Überlegenheit. Beide verkörpern Schneid und – Obrigkeit. Wer wünscht sich nicht manchmal jemanden, der sagt, was ist und wie es sein soll? Wollen nicht auch heute noch viele Menschen Führung, um sich anzulehnen und Entscheidungen abzugeben an die Autorität, an die mit großer Entschiedenheit?

In der Mitte werden sie sich treffen, zur Auseinandersetzung um ebendiese Mitte, in der so viele mit ihren ganz normalen, nicht spektakulären Leben warten. Viele sind aus der Normalität herausgeworfen, viele haben Angst, dass es nächstes Jahr so sein könnte, wenn die Krise wirklich kommt und die Grundlage des menschenwürdigen Lebens, die Arbeit, gefährdet sein wird. Deswegen wählen immer weniger; deswegen wählen auch immer mehr an den Rändern. Und deswegen wollen demokratische Rechte und Linke „die Mitte“ sein: weil dort die Mehrheit auf Hoffnung und auf Hoffnungsträger wartet. Darauf, dass es, wenn es gerecht zugeht, auch für sie etwas gibt. Mehr als bisher.

Eine neue Zeit. Neue Ideen. Neue Köpfe. Es könnte schlechter kommen.

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