Meinung : Die Öffentlichkeit als Luftabwehr der Hisbollah

Es ist schwer zu sagen, wer den Libanonkrieg gewonnen hat. Weil es bei asymmetrischen Kriegen an Vergleichsmaßstäben fehlt

Herfried Münkler

Der jüngste Libanonkrieg hat die Beobachter eher ratlos zurückgelassen: Wer hat gewonnen? Vor allem: Wer hat den Krieg eigentlich angefangen? Hat die israelische Armee in den vier Wochen den Mythos der Unbesiegbarkeit verloren? Was bedeutet das für die Machtverhältnisse im Nahen Osten? Fragen über Fragen, und so gut wie keine klaren Antworten.

In den Debatten, die in den letzten Jahren über die Veränderung des Kriegsgeschehens geführt wurden, hat der Begriff der Asymmetrie eine zunehmend wichtigere Rolle gespielt. Der klassische Staatenkrieg, so die Beobachtung, ist von seiner Anlage her symmetrisch gewesen, während die Kriege der letzten zwei, drei Jahrzehnte dies nicht mehr sind. Die Gegner, die in ihnen aufeinandertreffen, sind nicht wesentlich gleichartig, sondern unterscheiden sich in allen zentralen Merkmalen und Fähigkeiten voneinander. Dementsprechend agieren sie auch nach unterschiedlichen Prinzipien und Direktiven. Henry Kissinger hat dies Ende der 1960er Jahre auf die Formel gebracht, dass Irreguläre gewinnen, wenn sie nicht verlieren, und Reguläre verlieren, wenn sie nicht gewinnen. Asymmetrie betrifft also nicht nur das operative Geschehen, sondern auch dessen politische und rechtliche Rahmung.

Die Karriere des Asymmetriebegriffs begann in der Schlussphase des Vietnamkrieges. Wie war es dem Vietcong gelungen, das Erfolgsrezept der Amerikaner zu konterkarieren, wonach materielle und technologische Überlegenheit den Ausschlag gaben und den Sieg der Macht mit den größten industriellen Ressourcen und Reserven zufallen ließen? Diese Problem- und Fragestellung hatte zur Folge, dass der Asymmetriebegriff als abstraktere Bezeichnung für den Partisanenkrieg entwickelt wurde und dies über lange Zeit blieb. Unter diesen Umständen war es naheliegend, dass nur einige Strategietheoretiker den Asymmetriebegriff benutzten, während sich die Militärs an die herkömmlichen Begriffe des Partisanenkrieges beziehungsweise der Guerilla hielten und die Politikwissenschaft dies für eine Debatte unter den Militärs hielt, von der sie nichts verstand und nichts verstehen wollte.

Erst in jüngster Zeit ist das analytische Potenzial des Asymmetriemodells allmählich erkannt und ausgearbeitet worden. Dass begann damit, dass man, um die Dynamik asymmetrischer Konfrontationen besser zu verstehen, zunächst das Symmetriemodell ausarbeitete und die klassische Kriegsgeschichte nach dessen Maßgaben rekonstruierte. Dabei war klar, dass das Modell der Symmetrie und der tatsächliche Verlauf eines Krieges nie vollständig kongruent sein konnten, weswegen die Konstatierung nichtsymmetrischer Elemente kein Einwand gegen die Brauchbarkeit des Modells, sondern bloß die Beobachtung des Abstands zwischen tatsächlichem Krieg und Modell war.

Das freilich haben einige nicht begriffen, sondern unter Verweis auf die beobachteten Differenzen entweder bestritten, dass es jemals symmetrische Kriege gegeben habe, oder aber behauptet, Asymmetrie habe es schon immer gegeben und deswegen sei sie nichts Neues. Solche Missverständnisse beherrschten keineswegs nur die populäre Aufnahme der Symmetrie-Asymmetrie-Unterscheidung, sondern auch die innerakademische Debatte.

Das beginnt damit, dass viele Asymmetrie sagen, wenn sie Unter- beziehungsweise Überlegenheit meinen. Asymmetrie oder – genauer noch – die Asymmetrierung eigener Fähigkeiten ist dagegen als der Versuch zu definieren, den Konstellationen und Messbarkeiten von Unter- und Überlegenheit zu entkommen. Die Messung von Kräfteverhältnissen setzt Vergleichbarkeit voraus, und die ist unter den Bedingungen der Spiegelbildlichkeit am genauesten vorhanden. In der Zeit des Ost-West-Konflikts verglich man Kampfpanzer mit Kampfpanzer, Jagdflugzeug mit Jagdflugzeug, Artilleriegeschütz mit Artilleriegeschütz, und weil das oftmals noch zu unpräzise war, unterschied man zwischen modernem und veraltetem Equipment. So konnte man Unter- und Überlegenheiten in einzelnen Waffengattungen feststellen, um die militärische Balance zu wahren. Asymmetrie heißt, dass dies unmöglich ist; Asymmetrierung ist der Versuch, sich der Vergleichbarkeit der Kräfte und Fähigkeiten zu entziehen. Die Kommentatoren, die mit Blick auf den jüngsten Libanonkrieg gleichzeitig von einem asymmetrischen Krieg und der Überlegenheit der israelischen Armee gesprochen haben, haben Asymmetrie nicht begriffen, und diejenigen, die bloß auf die Überlegenheit der Israelis abgehoben haben, haben sich geirrt, weil sie sich nicht mit den Effekten der Asymmetrierung beschäftigt haben.

Wenn Symmetrie sich ausdrücklich nicht auf die Gleichheit, sondern die Gleichartigkeit der Fähigkeiten bezieht, so heißt das für die im Nahen Osten nach 1948 geführten Kriege: Solange es Israel mit den arabischen Staaten zu tun hatte, die Waffen, Ausbildung und Militärdoktrinen von der Sowjetunion bezogen, handelt es sich wesentlich um symmetrische Konstellationen, aus denen Israel als Sieger hervorging, weil es trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit mit diesen Fähigkeiten besser umzugehen verstand als seine Kontrahenten. Und weil es angesichts quantitativer Unterlegenheit bestrebt war, seine Fähigkeiten auf qualitativ höherem Niveau zu halten. Aber das stellte die prinzipielle Gleichartigkeit der Kombattanten nicht infrage.

Das begann sich mit der Entwicklung partisanischer und später terroristischer Kampfformen seitens der Palästinenser zu ändern und erhielt einen weiteren Schub durch das Ausscheiden Ägyptens und Jordaniens aus den Reihen der militärischen Gegner Israels. Von nun an war Israel nicht mehr der zahlenmäßig Unterlegene, der sich gegen eine gewaltige Übermacht behaupten musste, sondern rückte in der Konfrontation mit den Palästinensern selber in die Position des Übermächtigen ein. Aber dies war keine Übermacht auf der Grundlage gleichartiger Fähigkeiten, sondern diese Übermacht nahm einen zunehmend asymmetrischen Charakter ein. Von palästinensischer Seite wurde Asymmetrierung systematisch betrieben: Dass man bei gleichartigen militärischen Fähigkeiten Erfolgschancen haben würde, war ausgeschlossen; also setzte man auf Asymmetrierung, und das heißt, man versuche die eigene Schwäche in Stärke und die Stärke des Gegners in Schwäche zu verwandeln.

Derlei ist freilich leichter proklamiert als durchgeführt, zumal wenn man es mit einem Gegner zu tun hat, der diese Strategie durchschaut und entsprechend gegenhandelt. Die Konfliktdynamik im Nahen Osten ist seit mehr als zwei Jahrzehnten durch Asymmetrierung gekennzeichnet. Dass dies die Chancen für politische Übereinkünfte, insbesondere einen Friedensschluss, immer weiter verschlechtert hat, muss hier nur am Rande erwähnt werden.

Auch Israel war nämlich bei der Weiterentwicklung seiner militärischen Fähigkeiten zunehmend auf die Bahn der Asymmetrierung verwiesen. Dabei spielten nicht nur Handlungen des Gegners, sondern auch Restriktionen der eigenen Gesellschaft eine zentrale Rolle: Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung hat auch Israel den Weg der westlichen Gesellschaften zum Dominantwerden postheroischer Mentalitäten beschritten: Die Gesellschaft ist zunehmend unwillig, zur Durchsetzung eines politischen Willens Opfer zu bringen, zumal dann, wenn es sich dabei um die eigenen Kinder und nicht um ersetzbare materielle Werte handelt.

Von der Regierung wird dementsprechend erwartet, dass sie militärische Handlungsfähigkeit mit einer Minimierung eigener Opfer herstellt. Die klassische Lösung für diese Erwartung ist die Konzentration auf die Luftwaffe. Sie ist in diesen Konstellationen das materialisierte Versprechen, dass man den Gegner attackieren kann, ohne von diesem attackiert werden zu können. Auch das ist ein Charakteristikum für Asymmetrie: die Auflösung der Reziprozität zwischen den Kämpfern. Während die Chancen zu töten erhöht werden, wird das Risiko, getötet zu werden, minimiert. Natürlich könnte man zum Angriff auf die Drahtzieher von Terroranschlägen statt Hubschraubern oder Flugzeugen auch infanteristische Stoßtrupps einsetzen. Das wäre tendenziell symmetrisch, also eher reziprok und würde vor der Weltöffentlichkeit ein besseres Bild abgeben. Aber es würde in hohem Maße eigene Opfer kosten. Und das können sich postheroische Gesellschaften nicht leisten.

Dementsprechend ist der Libanonkrieg geführt worden. Schon wann er begonnen wurde und wer ihn begonnen hat, ist aufgrund der asymmetrischen Konstellationen schwer festzulegen. Am Anfang jedenfalls standen Provokationen von Seiten der Hisbollah, gelegentliche Raketenangriffe, dann die Entführung von Soldaten, auf die Israel reagieren musste, wenn es auf Dauer nicht sein Gesicht – heißt: sein militärisches Prestige – verlieren wollte. Auf diese Reaktion hatte sich die Hisbollah vorbereitet, seitdem sie nach dem israelischen Rückzug aus dem Südlibanon dort den Wiederaufbau finanziert und organisiert hatte. Sie hat sich dabei sozial in der Gesellschaft festgesetzt, aber auch die materiellen Voraussetzungen geschaffen, um einem israelischen Vorstoß flexiblen Widerstand entgegenzusetzen. Unterhalb der Dörfer wurde bei deren Wiederaufbau ein verzweigtes Bunkersystem angelegt, und die beweglichen Abschussvorrichtungen der Raketenwerfer konnten auf und in den Häusern installiert werden.

Die israelische Armee hatte es also mit einer kombinierten Abwehr zu tun: Eingeschränkte Luftangriffe, die auf die Zivilbevölkerung Rücksicht nahmen, würden die tief verbunkerten Hisbollahkämpfer nicht treffen, und der Einsatz von Bomben, mit denen die unterirdischen Bunker gesprengt werden konnten, würde hohe Zivilverluste zur Folge haben.

Das Abwehrsystem der Hisbollah bestand (und besteht) also aus einer Kombination von Stahlbeton und Weltöffentlichkeit. Wie gezielt dabei Letztere als Luftabwehr eingesetzt wurde, haben die gestellten Bilder von Kana gezeigt. Sie haben die Aufgaben der nicht vorhandenen Luftabwehr übernommen – kostengünstig und überaus effektiv.

Man hat den Israelis vorgehalten, sie würden zu sehr auf die Luftwaffe setzen. Tatsächlich haben sie mit der Bodenoffensive mehr gedroht als sie tatsächlich geführt. Mit gutem Grund, denn relativ früh war abzusehen, dass der Kampf am Boden hohe Verluste kosten würde. Man konnte die Befestigungen nicht umgehen, sie abschneiden und darauf warten, bis sie kapitulierten, sondern musste sie im direkten Kampf erobern. Darauf waren die Hisbollah-Kämpfer mit modernen Panzerabwehrraketen vorbereitet, zumal die israelischen Panzer hier Beweglichkeit und Geschwindigkeit nicht ausspielen konnten, sondern gute Ziele im infanteristischen Nahkampf boten. Eine Bodenoffensive würde mehr Opfer kosten, als Israel sich politisch leisten konnte. Das erklärt auch das Schwanken der politischen und militärischen Führung, die ankündigte und aufschob, drohte und die Androhung nicht wahr machte.

Ist die Hisbollah also der Sieger? Man hätte dies meinen können, und Teile der israelischen Gesellschaft waren zeitweilig dieser Auffassung, hätte nicht Scheich Nasrallah erklärt, dass man die beiden israelischen Soldaten nicht entführt hätte, wenn man mit dieser Reaktion Israels gerechnet hätte. Offenbar hat Nasrallah diese Äußerung im Hinblick auf die vielfältige Struktur der Hisbollah als politische Partei, soziale Organisation und Kampfverband getan. Infolge dieser Struktur ist sie im asymmetrischen Konflikt durchhaltefähig. Doch das hat seinen Preis: Dem heroisierten Kampfverband der Hisbollah haben die eigenen Verluste wenig anhaben können; aber die materiellen Schäden und die vielen Opfer sind von der libanesischen Gesellschaft nicht so schnell wegzustecken, zumal dann, wenn damit gerechnet werden muss, dass sie sich demnächst wiederholen. Darauf hatte die israelische Luftoffensive gesetzt. Offenbar hat sie, zumindest politisch, doch Wirkung gezeitigt.

In asymmetrischen Kriegen bleiben Sieg und Niederlage undeutlich. Die Folge ist, dass dies den nächsten Krieg nach sich zieht, wenn nicht von außen Dritte ins Spiel kommen. Das könnten die Europäer sein. Ihre Aufgabe ist nicht die Trennung symmetrischer, sondern die asymmetrischer Kontrahenten. Die Europäer werden nur dann Erfolg haben, wenn sie sich darauf einstellen.

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